Aviatik
Schwere Vorwürfe an den Piloten

Drei Faktoren haben laut Bericht zum Absturz des Flugzeugs auf ein Wohnhaus in der Roggenburgstrasse geführt. Besonders der tödlich verunglückte Pilot wird kritisiert: Er sei zu stark unter Zeit- und Erfolgsdruck gestanden.

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Absturz Kleinflugzeug, Basel

Absturz Kleinflugzeug, Basel

bz Basellandschaftliche Zeitung

Loris Vernarelli

Lange 27 Monate sind seit dem Absturz eines Kleinflugzeugs in der Basler Roggenburgstrasse vergangen. Bisher konnte über die Ursachen des Unfalls, bei dem der ehemalige Swissair-Pilot Hans Georg Schmid starb und zwei unbeteiligte Personen leicht verletzt wurden, nur spekuliert werden. Der gestern veröffentlichte Bericht des Büros für Flugunfalluntersuchungen (BFU) sorgt nun endlich für Klarheit. Ein zu schweres Flugzeug, der Zeitdruck des Piloten und eine unzureichende Aufsicht der zuständigen Behörden haben laut BFU zum Unfall geführt.

Faktor 1: Das Gewicht

Das Flugzeug Express 2000 ER sah bei der Anmeldung im April 2001 eine höchstzulässige Abflugmasse von 1451 Kilogramm vor. Die tatsächliche Masse am Unglückstag betrug aber wegen den zusätzlichen Tanks in Flügeln und Rumpf, der grossen Treibstoffmenge für den Flug Basel - Oshkosh (USA) sowie den mitgeführten Werkzeugen und dem Gepäck 2602 Kilogramm. Die Maschine war beim Start 127 Kilogramm schwerer als die in den Berechnungen des Piloten verwendete Startmasse von 2475 Kilogramm. Da auch die Schwerpunktslage und die verfügbare Leistung falsch kalkuliert worden waren, konnte das Eigenbau-Flugzeug nach dem Abheben weder beschleunigen noch steigen oder eine Kurve fliegen.

Faktor 2: Der Pilot

Der Untersuchungsbericht erhebt schwere Vorwürfe gegen Hans Georg Schmid, der bereits früher ein Eigenbau-Luftfahrzeug gebaut und damit zahlreiche Rekorde erflogen hat. Er habe eine kritische bis ablehnende Einstellung gegenüber behördlichen Vorgaben und Einschränkungen an den Tag gelegt, wenn diese ihn in der Erreichung seiner Ziele hinderten, heisst es im Bericht. So stellte er die Auflagen des Bundesamtes für Zivilluftfahrt (Bazl) in Frage und setzte die Behörde unter Druck. Warum hatte es Schmid so eilig? Sein Ziel bestand darin, während der «EAA (Experimental Aircraft Association) Air Ventures» in Oshkosh zu landen und damit Werbung für seinen Rekordflug «The Polar Frontier» - die Umrundung der Erde mit dem Überflug beider Pole - zu machen. Zudem wollte der Pilot in Wisconsin auf Sponsorensuche gehen.

So reagiert das Bazl

Das Bazl hat die Prozesse für die Zulassung, die regelmässigen technischen Kontrollen und die Aufsicht im Bereich der Eigenbau-Flugzeuge einer umfassenden Überprüfung unterzogen. So wird das Bundesamt bei komplexen Fluggeräten, die Sonderbewilligungen benötigen, die Zulassung enger begleiten. Für die Zulassung muss die EAS (Experimental Aviation of Switzerland) künftig einen Gesamtprojektleiter ernennen, der die Übersicht über alle Teilbereiche haben muss. Dieser fungiert als direkter Ansprechpartner für das Bazl, das die Ausbildung der anerkannten Berater für den Bau und die Testflüge innerhalb der EAS verstärkt. (lv)

Auch beim Start am EuroAirport waren Vertreter der Medien eingeladen worden. Die Anwesenheit der Presse, das Interesse der Öffentlichkeit sowie die Absicht, in Oshkosh Sponsoren zu finden, dürften den Piloten beeinflusst haben, den Start unbedingt durchzuführen. «Denn ein Startabbruch wäre aufgrund der langen Piste und der Begleitung durch ein Feuerwehrfahrzeug während längerer Zeit ohne grosses Risiko möglich gewesen», schreibt das BFU. Der grosse Zeitdruck sei der Grund gewesen, weshalb die Urteilskraft diesen erfahrenen Piloten in der letzten Phase der Flugvorbereitung und während des eigentlichen Flugs im Stich liess.

Faktor 3: Das Bazl

Kritisch äussert sich das Büro für Flugunfalluntersuchungen über das Bazl. Dieses habe dem von Hans Georg Schmid aufgesetzten Druck teilweise nachgegeben und gewisse Vorgaben in Bezug auf die zu erfüllenden Anforderungen mehrfach angepasst. Ebenso seien Termine für das Erbringen von Nachweisen auf einen späteren Zeitpunkt verschoben worden. Aus dem Bericht geht hervor, dass zu keinem Zeitpunkt von der Aufsichtsbehörde eine Erprobung des Flugzeuges mit der erhöhten Abflugmasse - 2475 statt den üblichen und mehrfach getesteten 1700 Kilogramm - verlangt wurde. Insbesondere wären bei einer derartig signifikanten Überschreitung der ursprünglich zugelassenen Abflugmasse «statische Versuche, Rollversuche und Flüge mit stufenweise gesteigerter Abflugmasse notwendig gewesen».

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