München
Schweizer-Prügelknaben in München: Jetzt redet der leitende Jugendstaatsanwalt

Drei Jugendliche aus der Schweiz rasten auf ihrer Klassenfahrt aus und verprügeln mutmasslich fünf Bürger. Wie kommt es dazu? Und ist unser Jugendstrafrecht wirklich zu mild, wie viele behaupten? Der leitende Jugendstaatsanwalt Marcel Riesen im Interview mit a-z.ch/news.

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Marcel Riesen

Marcel Riesen

a-z.ch News

Interview: Claudia Landolt

Drei Jugendliche prügeln in einer Art Amoklauf auf unbeteiligte Passanten ein. Diese Tat schockiert. Was geht in einem solchen jungen Menschen vor?
Marcel Riesen: Da gibt es leider keine Pauschalantwort, ebenso wenig gibt es ein Grundtypus des jugendlichen Delinquenten. Es gibt Jugendliche, die zeigen Reue, andere wiederum gar nicht, auch nicht nach der Tat. Und es gibt auch welche, die sind sehr anständig, verhalten sich normal, sind empathisch und delinquieren trotzdem.
Was kann man als Eltern tun?
Marcel Riesen: Wichtig scheint mir, das Kind zu begleiten, mit ihm beispielsweise auch die Gefahren des Internet zu besprechen, den Ausgang zu besprechen. Das Leben ist schwierig geworden, die Gefahren und auch die Versuchungen sind vielfältig. Eltern müssen die eigenen Wertigkeiten ganz klar durchgeben. Eine davon muss auch die Unversehrtheit des Menschen sein.
Bereits wird das scheinbar zu milde Jugendstrafrecht der Schweiz kritisiert. Was sagen Sie dazu?
Marcel Riesen: Wir haben hier ein massnahmenorientiertes Jugendstrafrecht. Viele deutsche Kollegen beneiden uns um diese Möglichkeit, wenn auch das deutsche Jugendstrafrecht deutlich schärfer ist. Aber auch in der Schweiz gibt es Höchststrafen. Jugendliche können durchaus eine Freiheitsstrafe von 6 Jahren bekommen, und die sogenannte geschlossene Massnahme geht bis 22 Jahre. Es gibt Ansätze, dass diese Massnahme bald auf das 25. Altersjahr angehoben wird.
Was beinhalten die geschlossene Massnahme?
Marcel Riesen: Eine lange Zeit hinter Gittern zu sitzen.
Wäre ein Freiheitsentzug von neuen Jahren, wie es in Deutschland gerade gefordert wird, für einen 16jährigen Ihrer Meinung nach dieadäquate Strafe?
Marcel Riesen: Da gilt es die längerfristige Perspektive in Betracht zu ziehen. Wenn jemand für lange Zeit ohne etwas zu lernen, ohne einer Arbeit oder Ahnlichem nachzugehen, in diesem Alter weggesperrt wird, kommt er gefährlicher raus, als er bei Eintritt war.
Was ist unter einer Aggressionstherapie zu verstehen?
Marcel Riesen: Das wird bei Jugendlichen angewandt, die Probleme mit der Gewalt haben. Es gibt dabei die Behandlung in der Gruppe und die Einzeltherapie. Bei einem der drei Angeschuldigten wurde konkret eine Einzeltherapie gemacht, bei der Fachstelle für Kinder und Jugendforensik.

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