Irena Jurinak

Warum ist sexueller Missbrauch in öffentlichen Institutionen, wie Spitälern oder Sportvereinen ein Tabuthema?

Verena van den Brandt: Spitäler, Kirchen oder Sportvereine sind mit einer solchen, oft ganz unerwartet auftretenden, Situation meistens überfordert und hören solche Vorwürfe nicht gerne. Sie denken hauptsächlich an ihr Ansehen in der Öffentlichkeit, fürchten um ihren guten Ruf und sprechen begreiflicherweise von einem Einzelfall: «Bei uns passiert so etwas nicht.» Das Geschehene wird unter Ausschluss der Öffentlichkeit aufgearbeitet. Aber Schweigen ist das beste Versteck für einen Täter.

Darum brechen Sie mit Ihrer Stiftung jetzt das Schweigen?

van den Brandt: Es sollte ein Umdenken stattfinden. Die Opfer müssen wissen, dass wir sie ernst nehmen. Was für die Opfer eines Verkehrunfalls heutzutage ganz selbstverständlich ist, sollte auch den Opfern von sexuellem Missbrauch zustehen.

Was meinen Sie damit?

van den Brandt: Wenn sie an einem Unfall vorbeifahren, gilt das als unterlassene Hilfeleistung. Rasche Hilfe ist auch für Opfer von sexuellem Missbrauch nötig und sollte durch ein speziell ausgebildetes Team geleistet werden, welches die Verletzungen untersucht und einer adäquaten Behandlung zuführt. Dies, um den Schaden zu begrenzen und die Anzahl chronischer irreparabler Schäden möglichst zu verringern.

Und wenn jemand die Hilfe nicht will?

van den Brandt: Wenn jemand sich den Arm bricht, überlässt man ihn auch nicht sich selbst. Auch gegen Pandemien gibt es klar definierte, rigorose Weisungen, die niemand infrage stellt. Bei psychischen Erkrankungen gibt man die Verantwortung für die Behandlung an den Patienten ab. Auch hier ist ein standardisiertes Vorgehen, eine gesetzlich festgelegte Behandlung zur Erfassung der bekannten Symptome vonnöten, um die Krankheiten zügig abzuklären und zu behandeln.

Schauen wir zu oft weg?

van den Brandt: Ja. Weil niemand sich vorstellen kann, dass ein Bekannter, ein angesehener Arbeitskollege, eine Vertrauensperson zu sexuellem Missbrauch fähig ist. So eine Anschuldigung löst Staunen oder sogar Ärger aus, wird oft als ungeheurlich empfunden. Die Reaktionen auf die Verhaftung Polanskis sind ein gutes Beispiel dafür.

Was zeigt Polanskis Fall?

van den Brandt: Man konnte sehen, wie verstört die Leute reagieren, wenn der Täter eine bekannte, in seinem Beruf sehr erfolgreiche und darum «mächtige» Person ist, auch wenn diese die Tat zugegeben hat. Die Verhaftung kam ungelegen, deshalb kamen die Emotionen frei, nicht wegen seiner kriminellen Taten.

Warum empfinden wir so?

van den Brandt: Für die Betroffenen ist das Thema unangenehm. Man geniert sich, man redet nicht gerne darüber. Auch aus Angst über die Skandalgeschichten in den Medien in solchen Fällen, die Interesse daran haben, genau zu erzählen, was den Opfern passiert ist. Aber wie es den Opfern geht, darauf achtet niemand. Dabei soll jeder, der etwas merkt, hinschauen und helfen.

Aber wer hinschaut, gerät manchmal selber in die Kritik, wie Ruth Ramstein, die den Fall des Turnlehrers Köbi F. in Möriken aufdeckte.

van den Brandt: Das ist ganz schlimm. Es gibt sehr wenige Fehlanzeigen, und diese erkennt eine Fachperson sofort. Sexueller Missbrauch ist keine Randerscheinung. Eine Studie geht davon aus, dass jede vierte Frau und jeder fünfte Mann Opfer von sexuellem Missbrauch ist. Etwa drei Prozent aller Mitarbeiter im Gesundheitswesen machen sich sexueller Grenzverletzungen schuldig. In allen öffentlichen Institutionen braucht es strengere Vorschriften. Eltern müssen sich sicher sein können, dass sie ihre Kinder gefahrlos in den Fussballverein schicken können.

Muss sich auf der Gesetzesebene etwas ändern?

van den Brandt: Bei Tätern und Täterinnen, die aus dem familiären Umfeld des Opfers stammen, muss die Justiz ermitteln, da häusliche Gewalt seit 2004 als Offizialdelikt gilt. Die Gruppe, für die wir uns einsetzen, wird ausgeklammert. Die Verantwortung liegt bei ihnen, nur wenn sie Anzeige erstatten, wird ermittelt.

Warum zeigen nur wenige Opfer die Täter an?

van den Brandt: Bei sexuellem Missbrauch in Spitälern, Kirchen, beim Sport - überall dort, wo Täter aufgrund ihrer beruflichen Position mächtiger sind als die Opfer - ist es für die Opfer besonders schwierig, gehört zu werden. Nicht nur sie, sondern auch Aussenstehende reden ihnen ein, sie seien wahrscheinlich doch selber schuld und sie hätten sich halt wehren müssen. Sie haben als Folge der durchgemachten Traumatisierung einen verzerrten Blickwinkel, schämen sich und wollen nicht darüber sprechen.

Sie sagen, die Ansprüche der Justiz und der Opfer stehen im Widerspruch. Warum?

van den Brandt: Die Opfer haben es in den Gerichtsverfahren sehr schwer. Sie wollen nicht darüber reden, was ihnen passiert ist, aber der Richter will es ganz genau wissen. Selbst vor Gericht entsteht eine Schieflage zwischen Opfer und Täter. Hinzu kommt, dass die Verfahren sehr lange dauern und manchmal im Sand verlaufen.

Also geht die Schweizer Justiz zu lax mit den Tätern um?

van den Brandt: Ja, warscheinlich. Die Strafen sind im Vergleich zu Verkehrsvergehen oft lächerlich. Dabei sind die Folgen für die Opfer oft sehr gravierend. Sie haben hohe Therapiekosten und können teilweise nicht mehr arbeiten.

Gibt es Gerechtigkeit für Opfer von sexuellem Missbrauch?

van den Brandt: Es geht nicht nur um rechtliche Gerechtigkeit, sondern darum, dass die Opfer gehört werden. Mit den Strafen ist es nicht getan.

Wenn Strafen nicht helfen, was dann?

van den Brandt: Es braucht eine Nulltoleranz in diesem Bereich. Es liegt nicht an den Opfern, Grenzen zu setzen. 80 Prozent der Täter sind Wiederholungstäter, leider steckt die Tätertherapie in Europa noch in den Kinderschuhen. Missbrauch fängt im Kopf an und geschieht nicht einfach so aus einem Moment heraus. Hier muss viel Aufklärungsarbeit verrichtet werden.

www.stiftung-linda.ch
Hinweis: Am 14. Oktober findet im Kultur- und Kongresshaus Aarau ab 19 Uhr ein öffentlicher Informationsanlass statt.