Schwabenkäfer treffen Aargauer

Die Männer vom länderübergreifenden Stammtisch diskutieren über die Fusion von Laufenburg mit Sulz und die neue Rheinbrücke. Vor Weihnachten singen sie gemeinsam «Stille Nacht».

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Schwabenkäfer treffen Aargauer

Schwabenkäfer treffen Aargauer

Irena Jurinak

Ausnahmsweise sitzt am Stammtisch im «Rebstock» eine Frau mit am Tisch: Die Festtagsreporterin der AZ ist zur Weihnachtsfeier der einzigartigen Runde eingeladen. Jeden Montagnachmittag treffen sich – auf deutschem Boden – rund ein Dutzend Männer. Alle kommen aus dem Städtli, die einen aus dem badischen, die anderen aus dem aargauischen Laufenburg.

Am Akzent erkennt man sie

Nur an Nuancen in der Aussprache ist auszumachen, wer woher kommt. «Wir sprechen alle alemannisch – die einen mit schweizerischem, die anderen mit badischem Akzent», sagt Franz Rudigier, der mittlerweile im deutschen Albbruck wohnt, seinem Stamm aber treu bleibt. Der 81-jährige pensionierte Zahnarzt ist im Pfarrhaus des badischen Laufenburg aufgewachsen. Seine Praxis lag direkt am Zollübergang bei der alten Rheinbrücke.

Gestritten haben sie nie

Am Stammtisch halten die Männer einander auf dem Laufenden, was in der Gemeindepolitik gerade aktuell ist. Derzeit ist der anstehende Zusammenschluss von Laufenburg und Sulz im Aargau ein Gesprächsthema.

Die Diskussionen sind teilweise sehr lebhaft. «Wir haben durchaus temperamentvolle Mitglieder, oft wird nicht grenzüberschreitend, sondern intern heftig debattiert.» Einen richtigen Streit gab es aber nie, versichern alle. In die grosse Politik mische man sich nicht ein und politisiert werde am Stammtisch nicht. Höchstens über Zwischenkanäle tat man den Stadträten kund, was den Stamm beider Laufenburg beschäftigte.

Lebensretter und Sänger

Zu der Runde gehört nicht nur alt Ratsschreiber Georg Gerteis, auch ein ehemaliger Vizedirektor der Kantonalbank und ein Oberst der Schweizer Armee sassen einst am Stammtisch. «Und Walti Wunderli, der rettete einmal über 50 Menschen aus Seenot.» Der heute 76-jährige Wunderli war damals Schiffszimmermann auf einem Frachtschiff. «Auf einer Fahrt durch den Nordatlantik kam der Notruf eines amerikanischen Flugzeuges herein, das hatte notwassern müssen», erinnert er sich. Über eine Strickleiter rettete er 54 Menschen aus einem Schlauchboot – bei Windstärke sieben.

Der Jüngste in der Runde, Hans-Peter Kressig, ist 72 Jahre alt und tritt an der Weihnachtsfeier als Ivan-Rebroff-Imitator auf. Der Sänger und Dirigent arbeitete früher bei Ciba-Geigy (heute Novartis).

Von deutschen Aargauern

Unterschiede gebe es zwischen ihnen keine, sind die Männer überzeugt. «Schwabenkäfer» hätten ihn die Schweizer Kinder damals genannt, erinnert sich Ernst Schneider. Der 85-Jährige ist der Älteste am Tisch. «Als ich sechs Jahre alt war, musste ich mir im Spital in der Schweiz den Blinddarm entfernen lassen. Den Übernamen habe ich nie vergessen.»

Oft habe er es umgekehrt erlebt, dass Deutsche glaubten, er sei Aargauer, erzählt der ehemalige Mechanikermeister des Kraftwerks Laufenburg. Zum Schluss singen die Männer gemeinsam «Stille Nacht» – auch die Weihnachtslieder sind auf beiden Rheinseiten die gleichen.