Bern

Schule blickt mit Sorge in die Zukunft

Probleme: Mit einer Notlösung konnte die Schule Aarwangen (Bild von 2008) alle Stellen besetzten. Wies nach den Herbstferien weitergeht, ist aber noch offen. (Bild: Oliver Menge)

Schule

Probleme: Mit einer Notlösung konnte die Schule Aarwangen (Bild von 2008) alle Stellen besetzten. Wies nach den Herbstferien weitergeht, ist aber noch offen. (Bild: Oliver Menge)

Die bernische Lehrergewerkschaft LEBE verlangt Anstrengungen, um dem drohenden Lehrermangel beizukommen. So sollen beispielsweise die Löhne für Berufsanfänger erhöht werden.

Johannes Reichen

Seit zwölf Jahren ist Ueli Herren Schulleiter in Aarwangen. Zwar hat es auch schon Probleme geben, freie Stellen zu besetzen. So hart wie in diesem Sommer aber war es noch nie. Die Schule suchte eine Lehrperson für 18 Lektionen, davon zwölf für NMM (Natur, Mensch, Mitwelt) inklusive Hauswirtschaft und je zwei für Französisch, Sport und Musik. Das schien eine gute Zusammensetzung. «Unsere Absicht war es, die Anzahl Lehrer bei den Realklassen möglichst klein zu halten», sagt Herren. Es ging schief.

Fürs Französisch fand sich eine Lehrerin. Die Hauswirtschaft wurde rausgenommen. Für die restlichen zwölf Lektionen gabs so eine Lösung - für eine Woche. Dann entliess Herren den Lehrer. Nun teilen sich vier Lehrer mit Vollzeitpensen, auch Herren, die Lektionen. «Bis zu den Herbstferien, dann ist Deadline», sagt der Schulleiter. Und wenn es dann keine Lösung gibt? Herren zuckt mit den Schultern.

Schulen mit Sorgen

Er ist nicht der einzige Schulleiter im Kanton Bern, der Probleme hat, Lehrpersonen zu finden, und darum lud gestern die kantonale Lehrergewerkschaft LEBE die Medien ein. Wie Herren erzählten auch die Schulleiter von Zollbrück und Schüpfen von ihren Sorgen. Ihre Erfahrungen und weitere Berichte aus dem Kanton Bern zeigen dem LEBE-Präsidenten Martin Gatti, dass es für die Schulen eine Sysiphus-Arbeit ist, Lehrer zu finden. Und sie zeigen ihm, dass der Kanton dagegen vorgehen muss. «Wir machen uns ernsthaft Sorgen.»

Zwar konnten im Kanton Bern auf das neue Schuljahr hin offiziell alle Stellen besetzt werden. Und der Kanton rechnet mit einer Abnahme von 4000 Schülern in der Volksschule bis in 5 Jahren und damit mit weniger Klassen. «Die Regierung ortet keine grösseren Schwierigkeiten», sagt Gatti. «Aber es ist oft schwierig und frustrierend, Stellen zu besetzen.» Christoph Michel, Leiter des Bereichs Gewerkschaft bei LEBE, berichtet von zahlreichen Schulen im Kanton, die Problem hatten.

Steigende Pensionierungen

Ende des nächsten Schuljahrs würden im Kanton 143 Lehrer pensioniert, im Jahr 2018 seien es sogar 530. «Diese Zahlen müssen aufschrecken», meint der LEBE-Präsident. Die Schulen seien gezwungen, Kompromisse einzugehen. Für eine gute Bildung sei es wichtig, immer aus mehreren Bewerbungen auswählen zu können.

Eine Auswahl hatte Marcel Dysli, Schulleiter in Zollbrück, zwar, aber keine besonders grosse. Er hatte die mühevolle Aufgabe, ein Person für zwölf Lektionen zu finden. Das Hauptproblem: Der Unterricht findet in acht verschiedenen Schulhäusern statt. Es klappte zwar, «doch es wird zunehmend schwieriger», sagt Dysli. Nikolaus Gschwend musste für eine Stelle in Schüpfen die Worte «wegen Todesfall» in die Stellenanzeige aufnehmen - so fand sich ein Nachfolger für einen Lehrer, der einem Herzinfarkt erlegen war. Dass die Nachfolge kurz vor Schulbeginn geregelt wurde, bezeichnet er als «Glück».

Auf das Glück wollen sich die Lehrer nicht stets verlassen wollen - und darum fordern sie nun ein «Bildungsinvestitionsprogramm».

Höhere Löhne für Einsteiger

Das Programm beinhaltet gemäss Gatti die Anhebung der Einstiegslöhne, flankierende Massnahmen, eine verlässliche Lohnentwicklung. «Jetzt ist die bernische Politik gefragt», sagt der Präsident. Sie müsse für gute Arbeitsbedingungen und ein gutes Umfeld sorgen.

Auch eine Reduktion der Aufgaben dient aus Sicht von LEBE diesen Zielen. In den Lehrplan würden immer neue Aufgeben gepackt, sagt Etienne Bütikofer, Bereichsleiter Pädagogik bei LEBE. «Aber gestrichen werden kaum welche.»

Meistgesehen

Artboard 1