Aargau
Schuldenfalle: Aufklärung schon für die Kleinsten

Ein Besuch bei der ersten Aargauer Schulstunde zum Thema Konsum und Geld in Seon. Der Umgang mit Geld bereitet immer mehr jungen Leuten Schwierigkeiten.

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Schuldenprävention für 1.-Klässler

Schuldenprävention für 1.-Klässler

Maja Sommerhalder

Das ist die Geschichte von der kleinen Janna, die alles haben will. Im Spielzeugladen steckt ihr ein Mann namens Potz Tuusig eine Plastikkarte entgegen. «Damit kannst du dir alle deine Wünsche erfüllen», verspricht er. Glücklich füllt das Mädchen seinen Einkaufswagen.

Was sich hier anhört wie ein Werbespot für eine Kreditkarte, ist in Wirklichkeit der Einstieg in die erste Aargauer Pro-Juventute-Unterrichtsstunde zum Thema Konsum und Finanzen. Und Pro-Juventute-Mitarbeiterin Irène Ruckli unterrichtet nicht etwa Wirtschaftsstudenten, sondern Erstklässler mit Zahnlücken aus Seon.

Immer Jüngere verschuldet

Schon seit einigen Jahren pilgern Pro-Juventute-Mitarbeiter in die Schweizer Schulen, um die Kinder für Geld und Konsum zu sensibilisieren. Bisher waren Schüler ab der dritten Klasse die Zielgruppe. Seit diesem Schuljahr richtet sich die Stiftung aber auch an Kinder von fünf bis acht Jahren.

Denn der Umgang mit Geld bereitet immer mehr jungen Leuten Schwierigkeiten. «Fast ein Drittel der Jugendlichen macht heute Schulden», so Jaana Nierula, Geschäftsleiterin von Pro Juventute Aargau: «In Zeiten der Handyverträge, Onlinebestellungen und Kreditkarten haben viele die Relation zum Geld verloren.»

Deshalb will die Pro Juventute früh ansetzen und hat das Lehrmittel «Potz Tuusig» für Kindergärtler und Unterstufenschüler entwickelt. Dieses wird gratis an die Schulen abgegeben. Auf Wunsch vermitteln Pro-Juventute-Mitarbeiter den Stoff – auch das ist kostenlos. «Anhand der Geschichte von Janna im Spielzeugladen werden die Kinder spielerisch an das heikle Thema Geld herangeführt», so Nierula. 300 Aargauer Schulen und Kindergärten hat Pro Juventute angeschrieben. «Wir hoffen, dass möglichst viele mitmachen.»

«Nicht früh genug anfangen»

Die Aargauer Premiere jedenfalls ist geglückt – den Seonern Erstklässlern gefällt Jannas Geschichte, die von Potz Tuusig eine Kreditkarte geschenkt bekommen hat. Jedenfalls leuchten viele Kinderaugen, als Pro-Juventute-Mitarbeiterin Ruckli erzählt, wie sich Janna ihren Einkaufswagen mit Spielsachen füllt. «Ich habe auch viele Wünsche. Rollschuhe zum Beispiel», sagt eine Erstklässlerin: «Dafür muss ich aber lange sparen. Eine Kreditkarte hat nur meine Mutter.» Auch der Heldin Janna wird plötzlich bewusst, dass sie die ganzen Spielsachen nicht braucht und mit ihrem Sackgeld gar nie bezahlen könnte.

Sie widersteht der Verlockung der Kreditkarte und lässt die Sachen im Laden zurück. Happy End. Die Seoner Erstklässler klatschen und finden, dass auch sie nicht jedes Spielzeug brauchen. Doch wird sie diese Erkenntnis auch später vom Schuldenmachen abhalten? «Uns ist es einfach wichtig, dass sie ein erstes Mal mit dem Thema Konsum in Berührung kommen. Man kann nicht früh genug anfangen», so Nierula.