Schule
Schulabbrecher: Beide Basel weit unter Durchschnitt

Laut einer Studie brechen bis zu 6 Prozent der Schweizer Oberstufenschüler vorzeitig die Schule ab. Diese Zahlen können die beiden Basel nicht nachvollziehen.

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Von Daniel Ballmer

Joschka Fischer, Bill Gates und Herbert Grönemeyer haben eines gemeinsam: Sie haben die Schule vorzeitig abgebrochen. In der Schweiz sollen gemäss einer neuen Studie der Uni Fribourg jährlich rund 5000 Oberstufenschüler die Schule vorzeitig verlassen. Das entspricht in etwa zwei Prozent der Acht- und Neuntklässler. Margrit Stamm, Professorin für Erziehungswissenschaften und Verfasserin der Studie, rechnet aber mit einer hohen Dunkelziffer nicht gemeldeter Fälle. Daher dürfte der Prozentsatz insgesamt höher, bei rund sechs Prozent, liegen. Insgesamt wurden 4500 Schüler in elf Kantonen beobachtet.

Sie kosten den Staat 400 Millionen

Die Folgen von vorzeitigem Schulabbruch für den Staat sind enorm. Die Schulabbrecher müssen aufgrund ihres tieferen Bildungsniveaus schulisch nachqualifiziert werden. Zudem werden sie schneller arbeitslos, sie arbeiten in Niedriglohnbereichen und sind häufiger delinquent, heisst es in der Studie der Universität Fribourg. Die Kosten für den Staat belaufen sich gemäss Hochrechnung auf rund 400 Millionen Franken jährlich. Problematisch wird es insbesondere, wenn die Schulabbrecher nicht in eine berufliche Ausbildung geführt werden können und letztlich von der Sozialhilfe abhängig werden. (bz)

Sechs Prozent hiesse im Kanton Baselland: Jährlich schmeissen rund 660 Oberstufenschüler vor dem Abschluss der obligatorischen neun Schuljahre den Bettel hin oder werden aus der Schule entlassen. In Basel-Stadt wären es knapp 170 Schüler. Die Baselbieter Bildungsdirektion allerdings geht von weniger als zwei Prozent aus. Allerdings werde keine Statistik über Schulausschlüsse geführt, stellt Generalsekretär Roland Plattner klar. Dies sei Sache der teilautonom geleiteten Schulen. Er zeigt sich davon überrascht, dass in der Schweiz jedes Jahr mehrere Tausend Jugendliche die Schule abbrechen. Dies biete Anlass zum vertieften Nachdenken.

Nicht weniger überrascht zeigt sich Hans Georg Signer vom Basler Erziehungsdepartement. In einer ersten Stellungnahme will der Leiter Bildung in Basel-Stadt gar von keinem einzigen Schulabbrecher wissen: «Das Obligatorium wird lückenlos durchgesetzt.» So sei es keiner Schule erlaubt, Schüler vor Erfüllung der Schulpflicht aus der Schule zu entlassen, ohne dass nicht eine schulische Anschlusslösung gefunden ist. Und doch erwähnt Signer schliesslich noch Fälle, in denen die obligatorische Schulzeit nicht absolviert worden ist.

So sei es auch in Basel-Stadt möglich, dass ein Schüler zwar die obligatorische Schulpflicht erfüllt, aber deren letzte Klassenstufe nicht erreicht. Dies aber gelte nicht als Schulabbruch. Daneben könne es zu Lücken kommen zwischen einem Schulabbruch und einer Anschlusslösung. Auch dies wird von den Behörden nicht als Schulabbruch qualifiziert. Hinzu komme die Möglichkeit, dass die Regelklasse abgebrochen werden müsse und der Schüler in ein Spezialangebot wie die Kriseninterventionsstelle kommt, wo er einige Wochen oder Monate gefördert wird. Davon seien im Schuljahr 2008/09 insgesamt nur 46 Kinder und Jugendliche betroffen gewesen, wovon 42 wieder in ein reguläres Bildungsangebot integriert worden seien. Nur vier hätten einem Heim oder einer Klinik zugewiesen werden müssen.

Die meisten sind männlich

68 Prozent der so genannten Drop-outs sind Knaben. Sie werden in den meisten Fällen von den Schulen ausgeschlossen, während bei den Mädchen der Abbruch oftmals aus Eigeninitiative erfolgt. Die Hälfte aller Schulabbrecher wurde von der Schule ausgeschlossen, heisst es in der Studie weiter. (bz)

Die Baselbieter Behörden gehen derweil davon aus, dass die meisten Schulabbrüche disziplinarisch begründet seien. Wer das Schulobligatorium nicht absolviert, müsse konsequenterweise in ein Heim eingewiesen werden. Diesen Problemfällen aber werde nicht etwa untätig gegenüber gestanden. Der Fokus werde dabei auf die Prävention gelegt, sagt Plattner. So seien mit den Projekten «TimeOut» und «BerufsWegBereitung» zwei Instrumente entwickelt worden, welche die betroffenen Jugendlichen bei der Integration in den schulischen Alltag unterstützen und die Lehrpersonen und Schulumgebung zugleich entlasten sollen.

Studienverfasserin Stamm gesteht den Kantonen denn auch durchaus zu, dass sie sich bemühten, die Zahl der Schulabbrüche möglichst gering zu halten. Und doch gebe es eben deutliche Hinweise darauf, dass einige Schulen auch Abgänge verschwiegen hätten. Stamm erklärt dies mit der Tabuisierung des Themas: «Weil die Schule für alle obligatorisch ist, dürfen Schülerinnen und Schüler sie eigentlich gar nicht vorzeitig verlassen.»

Hier widersprechen Signer und Plattner unisono: «Es ist ausgeschlossen, dass Schulen nicht melden, wenn ein Schüler einfach ‹verschwindet›», erklärt Signer. Schliesslich könne eine Schulleitung einen Schulabbruch gar nicht selber aussprechen, ergänzt Plattner. Und nochmals Signer abschliessend: «Abbrecher ohne Anschlusslösung gibt es bei uns einfach nicht - Wissenschaft hin oder her...»