Martin Arnold

Es klang so schön: Biotreibstoffe helfen die Treibhausgasemissionen zu mindern und sorgen für klimaneutrale Mobilität. Doch diese Hoffnung auf eine saubere Fortbewegung in Zeiten des Klimawandels hat sich zerschlagen. Was noch an den Klimaverhandlungen in Kyoto 1997 wie eine Verheissung geklungen hat, ist in Verruf geraten. Agrotreibstoffe, wie sie heute genannt werden – allen voran Palmöl –, führen in den Ursprungsländern zu einer Verschärfung von Konflikten.

Für den Anbau von Ölplantagen werden in Asien und Südamerika im grossen Stil Urwälder abgefackelt. Das hat Indonesien vorübergehend an die zweite Stelle aller Klimaverschmutzer weltweit gehievt. Allein Borneo verlor zwischen 2003 und 2007 laut der Nichtregierungsorganisation Watch Indonesia pro Jahr 11500 Quadratkilometer – in 5 Jahren eine Fläche, die beinahe doppelt so gross ist wie die Schweiz.

Sowohl in Borneo als auch in Sumatra stehen die weltweit grössten Torfwälder. Der in ihnen gebundene Kohlenstoff wird bei der Brandrodung in Form von CO freigesetzt. Anstatt dass mit der Palmölnutzung CO eingespart wird, steigt dessen Ausstoss so massiv an. Damit nicht genug: Durch den Anbau von Palmöl-Monokulturen verliert ein Teil der indigenen Bevölkerung ihre Heimat und zahlreiche Tier- und Pflanzenarten ihre Lebensgrundlage.

Doch Palmöl wird längst nicht nur für Kraftstoffe eingesetzt. Das billige Öl durchsetzt unseren ganzen Alltag. Es wird unter anderem in Lippenstiften, Körpercremes, Waschmitteln, Margarine, Schokolade, Fertigsaucen oder als Frittieröl verwendet. Nach Angaben von Nicolas Schmid, Pressesprecher bei Coop, führt der Grossverteiler rund 1000 Artikel auf Palmölbasis. Bei der Migros sieht es ähnlich aus.

In den letzten Jahren hat die Nahrungsmittelindustrie tierische Fette und die gesundheitsschädlichen gehärteten Fettsäuren (Transfette) sukzessive durch das besser geeignete Palmöl ersetzt. «Uns ist bewusst, dass es zwischen dem steigenden Bedarf an Palmöl und der Zerstörung von Regenwäldern einen Zusammenhang gibt», sagt Nicolas Schmid. «Da existiert ein Zielkonflikt, für den es dringend Lösungen braucht.»

Das Einrichtungshaus Ikea verbraucht laut der Umweltorganisation «Rettet den Regenwald» weltweit jährlich 32000 Tonnen Palmöl für die Produktion von Kerzen und Teelichtern.

Proteste fruchteten bislang nichts, genauso wenig wie der Roundtable for Sustainable Palm Oil (RSPO), den die Umweltorganisation WWF gemeinsam mit Palmölproduzenten aus Indonesien und Malaysia ins Leben rief. Das Ziel des WWF war es, Palmöl, das ohne Urwaldzerstörung und Landvertreibung produziert wird, mit einem Label zu versehen. Doch die Produzenten zeigen sich bis heute ausserstande, die Auflagen zu erfüllen. Laut RSPO werden zurzeit pro Jahr rund 1,5 Millionen Tonnen nachhaltiges Palmöl produziert, was weniger als 5 Prozent der weltweiten Produktion entspricht.

Trotzdem zeitigt das schlechter gewordene Image von Palmöl hierzulande allmählich erste Wirkungen. Die nördlichen EU-Staaten und die Schweiz importieren als Ersatz zusehends mehr unproblematisches Raps- und Sonnenblumenöl vor allem aus Südosteuropa. Die Kehrseite: Südosteuropa füllt seine leeren Tanks vermehrt mit Palmöl.

Dieses groteske Szenario ist nicht zuletzt dank den verschiedenen nationalen und internationalen Gesetzen über die erneuerbaren Energien erst möglich. Die westlichen Industrieländer haben sich im Kyoto-Protokoll zu konkreten Reduktionszielen für Klimagase verpflichtet. Dabei sind Agrotreibstoffe eine von der UNO-Klimabehörde akzeptierte Möglichkeit, dies zu erreichen.

Auch wenn der Schaden, den die Produktion von Treibstoff aus Agrarpflanzen verursacht, grösser scheint als der Nutzen. «Wenn wir Palmöl durch ein anderes Öl ersetzen, verlagern wir das Problem nur», sagt deshalb auch Olivia Luginbühl, Pressesprecherin der Migros. Tatsache ist aber ebenso, dass Palmöl für die hiesigen Grossverteiler günstiger und deshalb begehrter ist. Die Lösung sehen sowohl Migros als auch Coop im nachhaltigen Anbau. Coop bezieht nach eigenen Angaben bereits 3000 Tonnen nachhaltig produziertes Palmöl. In den nächsten Jahren will der Konzern noch mehr ökologisch vertretbares Palmöl einkaufen.