Christian von Arx

Seit kurzem liegt sie vor, die neue «Informationsbroschüre der Schweiz: Kanton Solothurn». Auf 170 Druckseiten, farbig illustriert, werden der Kanton Solothurn und seine Gemeinden vorgestellt. Beim Durchblättern ist man beeindruckt: So viele interessante geschichtliche Informationen über Solothurns Gemeinden kompakt verpackt, das findet man nicht alle Tage.

Da und dort stechen aber sofort ein paar «Druckfehlerchen» ins Auge. Im Bucheggberg fällt etwa die Gemeinde Bilbern auf - da ist wohl Bibern gemeint. Hessighofen, Küttighofen, Oberamsern, Unteramsern: Tja, ein bisschen unsorgfältig. Auch im Schwarzbubenland fehlt da und dort ein Buchstabe, wenn Bätwil, Zulwil und Nuglar-St. Pantaleo vorgestellt werden. Und der Ortsname Breitanbach tönt irgendwie althochdeutsch.

Vom Gäun nach Thiersetin

Die Solothurner müssen ein lustiges Völklein sein: Rund um die Hauptstadt finden sich in der Informationsbroschüre Ortschaften wie Obersdorf (vermutlich holen dort die Österreicher ihren Rahm), Biberis, Deltingen und - halten Sie sich fest - Etzkingen. Der Streifzug setzt sich durch die Bezirke Gäun und Thiersetin (auf andern Seiten Thirestein genannt) fort. Gut, man kann sich ja zusammenreimen, was gemeint sein könnte.

Mit besonderer Liebe behandelt das Sammelwerk die Region Olten. Neben Winzau und Eppenberg-Wöschau wird hier das liebliche Dorf Schönenwind besucht, und von dort gehts weiter in den Winterkurort Hauenstein-Ofenthal.

Die originelle Schreibweise «Lotsdorf» illustriert dafür die Volksweisheit «auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn»: Lotsdorf ist nämlich nach den Erkenntnissen des Solothurner Ortsnamenforschers Rolf Max Kully der ursprüngliche Name der heutigen Ortschaft Lostorf (Dorf des Lot)...

Veraltet, lückenhaft und falsch

In der Broschüre wimmelt es aber nicht nur von Druckfehlern, sondern auch von skurrilen Infos. Die Fläche des Kantons wird mit 243 Quadratkilometern angegeben, was Rang 23 der 26 Kantone entspreche. Diese Angabe trifft genau für Appenzell-Ausserrhoden zu, Solothurn liegt mit 791 Quadratkilometern immerhin auf Rang 16.

Zur seit 2006 fusionierten Gemeinde Erlinsbach erfahren wir, dass die Fusion von Nieder- und Obererlinsbach noch nicht rechtskräftig sei («Verfahren läuft»); man dürfe aber davon ausgehen, dass dem Fusionsprozess keine Hindernisse entgegenstehen («insbesondere keine Rekurse auf dem Gerichtsweg»). Im Übrigen beschränkt sich der Artikel auf eine Erklärung des Dorf-Übernamens «Speuz»; weitere Infos gibts dort keine.

Nicht das Geringste auszusetzen gibts dagegen an den Artikeln über Kappel, Niederbuchsiten und Wolfwil: Diese drei Orte kommen nämlich in der Informationsbroschüre - als einzige unter den 125 Solothurner Gemeinden - gar nicht vor.

Purer Nonsens

Dafür gibts unter Schönenwerd - pardon: Schönenwind - wieder etwas dazuzulernen: «Durch Marco von Graziolis Verkauf der Herrschaft Gösgen mit allen Besitztümern 1458 wurde Schönenwerd solothurnisch und mit dem Beitritt Solothurns 1481 eidgenössisch.»

Wie bitte? Haben wir nicht gelernt, dass Thomas von Falkenstein der Schuft war, der das Niederamt an Solothurn verschacherte. Marco Grazioli hingegen kennen wir als aufgestellten Schönenwerder Jungpontonier; das «von» hat er der bald 20-Jährige sich wohl durch seine früheren Spitzenleistungen als Jungschwinger verdient. Kurz: Es kann gut sein, dass für den Verkauf der Herrschaft Gösgen an Solothurn anno 1458 einer in der Hölle schmoren muss, aber nicht «Marco von Grazioli».

Methode «Copy-paste»

Dafür führt uns der Herr von Grazioli auf die richtige Spur, nämlich zur Internet-Enzyklopädie Wikipedia: Im Wikipedia-Artikel über Schönenwerd hat irgendein Witzbold den Namen Thomas von Falkenstein durch «Marco von Grazioli» ersetzt, und exakt das steht nun auch in der famosen «Informationsbroschüre Kanton Solothurn». In gleicher Weise sind alle Gemeindeinformationen der Broschüre mit der «Copy and paste»-Methode aus Wikipedia kopiert.

Das versuchen die Herausgeber auch gar nicht zu verheimlichen: Am Schluss der Broschüre findet sich ein nicht weniger als sieben Seiten umfassendes «Autorenverzeichnis» mit so klingenden Namen wie «Allesmüller», «Gratisschreiberling», «Firefox13», «Adlei», «Sebbot» oder «Vodimivado». Das sind alles Kürzel und Pseudonyme, die sich in den Autorennachweisen der entsprechenden Artikel der deutschen Wikipedia finden.

Nicht sieben Seiten, sondern nur sieben Zeilen kurz ist dafür das Impressum auf der hintersten Seite dieser Nobelpreis-verdächtigen Informationsbroschüre: «Incom Solutions Ltd, Ground Floor West, 68 South Lambeth Road, London SW8 1RL, Company Nr.: 658 9834, Registriert in Wales. UK». Alles klar?