Michael Spillmann

Der 21-jährige Pius aus Luzern sitzt am Steuer seines schwarzen Boliden, die imposanten Flügeltüren ragen in die Luft, in der Hand hält er die schriftliche Wegweisung der Kantonspolizei. «Das gibts ja nicht! Wir wollten nur ein paar schöne Autos anschauen kommen», sagt der junge Mann. Beifahrer Markus meint nur: «Die Polizisten machen alles kaputt.»

Wenige Sekunden vorher durften die Luzerner mit ihrem BMW die Polizeikontrolle verlassen. Jetzt haben sie 15 Minuten Zeit, um im Tankstellenshop der Raststätte ein Gipfeli oder ein Getränk zu kaufen, dann müssen sie weiterfahren - die nächsten 20 Tage dürfen sie sich beim «Fressbalken» nicht mehr blicken lassen.

Kurz vor 2 Uhr in der Nacht auf gestern: Vor dem Shop bildet sich eine beachtliche Menschentraube. Die meisten, die hier stehen, haben bereits eine eingehende Fahrzeug- und Personenkontrolle hinter sich. Jetzt diskutieren sie aufgeregt unter dem «Fressbalken», der Zigarettenqualm steigt bis an die Decke.

In ihrem Blickfeld reiht sich noch immer Auto an Auto: Es ist die Kolonne der von der Polizei für eine Überprüfung ausgewählten Autos - sie führt zurück bis zur Raststätteneinfahrt.

Triage schon bei der Einfahrt

Zwölf Parkfelder hat die Polizei eingerichtet - offenbar zu wenig. Die Kontrolle dauert die ganze Nacht. Über 50 Polizisten stehen bereit, unterstützt werden sie vom Grenzwachtkorps und von Spezialisten des Strassenverkehrsamtes. Für all jene Autofahrer, die ihr aufgemotztes Auto präsentieren wollen oder sogar auf ein Spektakel wie vor Wochenfrist - auf einen «Drift» - hoffen, ist der Spass bereits bei der Einfahrt aus Richtung Zürich vorbei.

«Wir haben hier eine Triage eingerichtet», erklärt Stephan Reinhardt, Kommandant der Kantonspolizei. Ein bei der Einfahrt stehender Kantonspolizist trägt sogar ein Sturmgewehr.

Nach der Einteilung ist in der Warteschlaufe viel Geduld gefragt. Der Kommandant zieht derweil die erste Bilanz: «Wir sind - ganz offensichtlich - zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Viele haben lange Gesichter gemacht.» Bis in die frühen Morgenstunden müssen insgesamt 230 Fahrzeuge durch die Kontrolle.

Die Schlussbilanz: 51 verfügte Wegweisungen von der Raststätte Würenlos. Hinzu kommen 113 Ordnungsbussen - in den meisten Fällen wegen Überschreiten der Höchstgeschwindigkeit (in beiden Fahrtrichtungen wurden auf der A1 Tempokontrollen durchgeführt) oder Nichttragen der Sicherheitsgurten.

Acht Fahrzeuge entsprechen nicht den gesetzlichen Vorschriften. Die Lenker müssen ihre Fahrzeuge beim Strassenverkehrsamt vorführen.

Ein Autofahrer muss sich zudem wegen Fahrens unter Drogeneinfluss, einer wegen Mitführens von verbotenen Waffen und ein weiterer wegen Beschimpfung von Polizisten verantworten.

Zwei Lenker müssen ihren Führerausweis an Ort und Stelle abgeben, weil sie erwischt werden, wie sie auf der naheliegenden Autostrasse in Richtung Furttalkreuzung eine Sicherheitslinie überfahren, um schnell wieder zurück auf die A1 zu fahren.

«Es ist noch nicht zu Ende!»

Der Plan der Polizei ist klar: Mit einer Art Schocktherapie versucht sie, die Auto-Tuning-Szene zu vertreiben. Gibt es jetzt jedes Wochenende Grosskontrollen? «Es wird in den nächsten Wochen und Monaten weitere Aktionen geben. Wir wollen solche Ansammlungen verhindern», erklärt Stephan Reinhardt.

Geplant sind zudem flankierende Massnahmen wie vermehrte Radarkontrollen in diesem Autobahnabschnitt und eine Erhöhung der uniformierten und verdeckten polizeilichen Präsenz.

Bei den kontrollierten Autotunern stösst die Aktion der Polizei auf wenig Verständnis. «Klar, das, was vor einer Woche passiert ist, ist ein Seich», sagt der 25-jährige Erkan aus Baden, während sein Wagen von der Polizei begutachtet wird. Aber Kollege Mehmet fügt an: «Es ist noch nicht zu Ende!»

«Wenn es hier nicht mehr geht, finden wir schnell einen anderen Platz», prophezeit Golf-Fahrer Jusuf aus Birr. Auch er wird von den Polizisten freundlich gebeten weiterzufahren. «Ich kann nicht verstehen, was hier passiert», so der 19-Jährige.