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Schnell, bequem – aber ohne WC

Im August wird es so weit sein: Der erste von sechs neuen ultramodernen Zügen wird auf der RBS-Strecke Solothurn–Bern fahrplanmässig verkehren. Trotz viel Hightech-Einsatz hat er ein «Manko». Die Toilette fehlt.

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Solothurner Zeitung

Franz Schaible

«Die RBS-Linie Solothurn-Bern ist für unsere Kantone und ihre Hauptstädte eine lebenswichtige Beziehung und in vielen Fällen die schnellste Verbindung.» Der Solothurner Bau- und Justizdirektor Walter Straumann zeigte sich am gestrigen «Roll-Out» der neues-ten Zugsgeneration im Bahnhof Worb-laufen des Regionalverkehrs Bern-Solothurn (RBS) sehr erfreut. Er sprach von «einem verkehrspolitischen Bekenntnis». Denn der öffentliche Verkehr sei landesweit stark fernverkehrsfixiert. Die Verbindung von grossen Zentren, Alpentransversalen und andere Grossprojekte beherrschten und bestimmten die Politik. Der Bund ziehe sich aus dem Regionalverkehr zunehmend zurück, kritisierte Regierungsrat Straumann. «Verkehrspolitik braucht aber auch die kleineren Ausbauten und ist auch auf schrittweise Angebotsverbesserungen angewiesen.»

45 Kilometer Kabel pro zug

Der neue Niederflur-Express-Triebzug (NExT) ist 60 Meter lang, bietet 136 Sitzplätze 2. Klasse und 18 Plätze in der 1. Klasse sowie 289 Stehplätze. Die Spitzengeschwindigkeit liegt bei 120 Stundenkilometer. Herstellerin ist die Stadler Rail Group. Der Regionalverkehr Bern-Solothurn (RBS) hat im April 2007 sechs Einheiten bestellt. Die Beschaffungskosten belaufen sich auf insgesamt 53,4 Millionen Franken. Der erste Zug wird ab August fahrplanmässig auf der Strecke Solothurn-Bern eingesetzt, die weiteren fünf werden bis Ende Jahr gestaffelt den Betrieb aufnehmen. Viel Hightech steckt in den Zügen; pro Zug sind 45 Kilometer Kabel verlegt. So sind alle Züge unter anderem mit Videoüberwachungskameras, Notrufstellen, Brandmelde- und Löschanlagen ausgerüstet. Auf den Einbau einer Toilette wird erneut aus Platzgründen verzichtet. (siehe Haupttext). (FS)

Diese Botschaft bereits umgesetzt hat der RBS. «Nur mit den neuen Zügen wird es uns möglich sein, den grossen Nachfragezuwachs bis zum Ausbau des Bahnhofes Bern überhaupt zu bewältigen», sagte RBS-Direktor Hans Amacker an der Veranstaltung. Und die Nachfrage ist gewaltig. Im vergangenen Jahr beförderte der RBS allein auf der Linie Solothurn-Bern über 3,6 Millionen Fahrgäste, respektive knapp 11 000 Passagiere pro Werktag. «Dies entspricht einer Steigerung von 28 Prozent seit 1998», ergänzte auf Anfrage RBS-Sprecherin Fabienne Stalder. Weitere Zunahmen sind prognostiziert. «Für 2014 rechnen wir mit rund 13 500 Fahrgästen pro Werktag oder einem Plus von weiteren 20 Prozent.

Mehr Züge in den Stosszeiten

Die neuen Züge der 3. Generation der S-Bahnzüge - sie fahren unter dem Namen Niederflur-Express-Triebzug NExT - werden auch benötigt, um die angepeilte Fahrplanverdichtung zu erreichen. Bereits heute fahren die Züge in kurzen Zeitfenstern in den Spitzenzeiten viertelstündlich. Diese Zeitfenster sollen, so Amacker, nun erweitert werden. Bereits auf den Fahrplanwechsel im Dezember werden zusätzliche Züge eingesetzt. Bis dann sind nämlich alle sechs neuen Züge unterwegs. Das gestern präsentierte erste «Exemplar» wird nach letzten Tests und der Abnahme durch das Bundesamt für Verkehr im August fahrplanmässig eingesetzt werden.

Schnellste Meterspur-Bahn

Zwar kann das Potenzial - die NExT-Züge sind mit einer Spitzengechwindigkeit von 120 Stundenkilometer die schnellste Meterspur-Bahn der Schweiz - noch nicht voll ausgeschöpft werden. Trotzdem: «Die Fahrzeit soll von heute 37 Minuten schrittweise auf 33 Minuten verringert werden», erklärte Fabienne Stalder. Nach Anpassungen der Infrastruktur in den nächsten Jahren sollen die Züge dann aber je nach Streckenabschnitt mit 120 Stundenkilometer unterwegs sein, blickte Amacker nach vorne. Heute verkehren die Züge mit maximalen Spitzen von 90 Stundenkilometern.

Eine kurze Testfahrt im NExT zeigt, dass der Komfort für die Fahrgäste deutlich steigt: Die Sitze sind bequemer, die Beinfreiheit grösser und die Fenster gar viel grösser. Zudem sind die Züge durchgehend begehbar. Trotzdem, nicht wenige Fahrgäste werden sich ärgern, weil die Züge erneut keine Toiletten aufweisen. Warum? «Ein WC würde viel wertvollen Platz wegnehmen. Pro behindertengerechte Toilette würde sich die Anzahl Sitzplätze im Zug um bis zu 16 Sitzplätze reduzieren. Das sind über zehn Prozent», rechtfertigt sich RBS-Sprecherin Stalder und verweist auf die Kosten. Bei zehn wegfallenden Sitzplätzen belaufe sich der rechnerische Gegenwert auf rund drei Millionen Franken. Die jährlichen Unterhaltskosten beziffert sie auf rund 170 000 Franken. Der RBS setze vielmehr auf stationäre WC-Anlagen an allen Stationen. «Diese sollen in den kommenden Jahren erneuert werden.»

«WC im Zug ist nortwendig»

Für Kurt Schreiber ist aber der Entscheid, auf WCs in den Zügen zu verzichten, ein schlechter Entscheid: «Es ist bedauerlich, dass die RBS auch bei den neuen Zügen das schlechte Vorbild anderer Bahnunternehmen nachahmt», kritisiert der Vizepräsident der Bahnkunden-Vereinigung Pro Bahn Schweiz. Das sei kundenunfreundlich. Auch wenn ein Angebot an Toiletten an den Stationen bestehe, «ist ein WC pro Zugskomposition notwendig».

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