Nicole Emmenegger

Behaglich warm ist es im Wohnzimmer des Mehrfamilienhauses in Etzgen, und Carolin Diesner (25) hält eine Tasse heissen «Guten Morgen»-Tee in der Hand. Trotzdem hat sie Gänse-haut - vor Aufregung, wenn sie von ihrem neuen Projekt erzählt. Gemeinsam mit ihrem Freund John Buncle will die Lehrerin im März den Appalachian Trail in Angriff nehmen.

Der Appalachian Trail: Das sind rund 3500 Kilometer zu Fuss durch das Appalachen-Gebirge an der US-Atlantikküste. Das ist ein Leben fernab der Zivilisation, obwohl man unterwegs sogar die Skyline von New York am Horizont erkennen kann. Und das sind kalte Nächte im Zelt und Duschen nur alle paar Tage. Statt Berghütten gibt es auf der Strecke bloss Windschütze, die aus drei Wänden bestehen und in denen sich Ratten tummeln (Details siehe Infobox).

Warum tut man sich das an? Aus Liebe zur ungezähmten Natur zum Beispiel. «Ich bin extrem naturbegeistert», sagt Carolin Diesner. Mit 16 Jahren habe sie in Deutschland den Jagdschein gemacht. «Nicht weil ich den Killerinstinkt habe, sondern weil ich es mag, auf dem Jägersitz zu sitzen und die Natur und die Stille zu geniessen», sagt die Frau mit den Engelslocken.

Zudem ist es die Lust am Reisen, die sie antreibt. Die Weltenbummlerin war bereits in 23 Ländern und ist erst im Juni von einer sechsmonatigen Rucksacktour durch Südamerika zurückgekommen. Zuvor lebte Carolin Diesner ein Jahr lang in Australien und lernte dort ihren Freund John kennen und lieben. Typische australische Miniatur-Strassenschilder schmücken seither das Küchenfenster in Etzgen. Weil John in der Schweiz keinen Job und somit keine Aufenthaltsbewilligung bekam, lebt er heute in Melbourne und versucht dort, als Barmann möglichst viel Geld für das gemeinsame Appalachen-Projekt zu verdienen. Rund 30 000 Franken benötigt das Paar, damit unterwegs das Geld nicht ausgeht.

Auch Carolin Diesner, die an der Sekundarschule in Baden unterrichtet, spart fleissig für ihr Ziel: «Ich will im nächsten Herbst auf dem Mount Katahdin im Bundesstaat Maine stehen und wissen: Ich habe es geschafft», sagt sie.

Als so genannte Durchwanderin muss sie ihren Namen unterwegs immer wieder in Streckenbücher eintragen. Nur wenn sie tatsächlich die ganze Strecke zu Fuss bewältigt hat, erhält sie ein Zertifikat der Organisation Appalachian Trail Conservancy. Ein hoch gestecktes Ziel, denn in dieser Saison haben es nur 18 Prozent der Durchwanderer geschafft. Doch Carolin Diesner lässt sich davon nicht abschrecken: Die junge Lehrerin liebt Herausforderungen und «Adrenalin-Dinge».

Action und Natur hat es auf dem Appalachian Trail genug, Zivilisation dafür umso weniger. Gemütliche Bergrestaurants, in denen man eine Suppe schlürfen könnte? Gibt es keine. Die Verpflegung für drei bis zehn Tage transportieren die Wanderer in ihrem Rucksack - nebst den ganzen Kleidern und dem Zelt. Nur alle paar Tage kann man per Autostopp zu einer Ortschaft fahren und dort einkaufen, duschen, waschen. «Wir werden stinken, aber daran gewöhnt man sich», sagt Carolin Diesner.

Weil es längere Strecken gibt, auf denen man rein gar nichts einkaufen kann, müssen die Wanderer vorsorgen: Sie schicken Pakete mit Nahrung an Poststellen entlang der Route, wo sie das Essen später abholen können. Ausreichend Energie brauchen die Wanderer unbedingt, denn durch die Strapazen verbrennen sie rund 8000 Kilokalorien pro Tag. «Ich habe von Leuten gehört, die löffelweise Butter in ihre Nudelsuppe rühren, um genügend Fett zu konsumieren», sagt Carolin Diesner und nimmt einen Schluck aus ihrer Teetasse.

Was, wenn unterwegs die Beutelsuppe ausgeht und auch die letzte Brotscheibe verschlungen ist? Für solche Notfälle gibt es die Trail Angels, zu Deutsch «Streckenengel» - das sind Menschen, welche die Strecke bereits gemeistert haben und heute neben dem Appalachian Trail wohnen. Sie stellen Kühlboxen mit Kuchen oder Getränken an den Weg und veranstalten Grillabende, an denen sich die Wanderer die Bäuche vollschlagen können. Das ist die Magie des Appalachian Trail, die Carolin Diesner schon jetzt verzaubert, wenn sie in den Büchern blättert, die auf dem Küchentisch liegen (Buchtipps siehe oben).

Sie erzählt, dass sich die Durchwanderer gegenseitig Spitznamen wie «Taschenlampen-Lady» oder «Schmuddel-Mann» geben. Die Wanderer tauchen komplett in eine neue Welt ein und werden zur verschworenen Gemeinschaft, auch wenn sie aus verschiedenen Nationen kommen - wohl auch deshalb, weil es beim Marschieren durch die Wildnis ganz schön einsam werden kann. Vor der Einsamkeit und der Stille fürchtet sich Carolin Diesner nicht, sie hat ja ihren Freund John dabei. Zudem nehme sie ein paar Hörbücher mit, die sie unterwegs abspielen könne, sagt sie. Mehr Zivilisation braucht sie nicht. Sie freut sich auf die Ruhe und auf die Freiheit, «am Morgen aufstehen zu können und keine Verpflichtungen zu haben». Und darauf, eine Weile lang ein luxusfreies Leben zu führen, in dem das ganze Hab und Gut 18 Kilogramm wiegt und sich in einem Rucksack verstauen lässt.

Stress wird es in den Appalachen nur in Form von Bären oder giftigen Schlangen geben. Zudem drohen extreme Unwetter und Eisblöcke, die bei Winterwetter von den Bäumen fallen können und auch schon zu Schädelbrüchen geführt haben. «Als meine Mutter das in den Büchern las, sagte sie: ‹Da gehst du auf gar keinen Fall hin!›», so Carolin Diesner. Mittlerweile unterstütze die Mutter aber das Projekt und möchte am liebsten mitwandern - wie könnte man anders, bei so viel Begeisterung.

Carolin Diesner muss sich jetzt nur noch um etwas sorgen: «Es darf nichts passieren, wodurch wir den Trail nicht starten können oder abbrechen müssen», sagt sie. Macht der Körper schlapp, ist das Projekt futsch. Deshalb trainiert sie wie wild, geht Schwimmen, Joggen und wandert ein- bis zweimal pro Woche bis zu 20 Kilometer. Die Generalprobe in der Schweiz steht ihr noch bevor: Im Januar will sie an einem Tag den Fricktaler Höhenweg abwandern. Das sind 60 hügelige Kilometer zwischen Mettau und Rheinfelden.
Damit auch andere Menschen etwas von ihrem Kraftakt haben, möchte Carolin Diesner die Appalachen-Wanderung zum Sponsorenlauf machen. Sie sucht Unternehmen oder Private, die pro zurückgelegten Kilometer einen Beitrag zahlen, der dann an ein wohltätiges Projekt in der Schweiz geht. «Am liebsten würde ich für eine Organisation spenden, die todkranke Kinder im Spital begleitet und mit Clowns oder mit Spielen aufheitert», sagt sie.

Auf diese Weise könnten Carolin Diesner und John Buncle im nächsten Jahr einen Teil ihres Glücks auf Wanderschaft in die Schweiz schicken, damit es hierzulande Kinder in schweren Stunden erreicht.