Schlechtes Timing für Rehkitze

In der Region sterben hunderte Rehkitze einen quallvollen Tod. Hochentwickelte Infrarot-Technik soll dem ein Ende setzen. Jäger beäugen dies skeptisch.

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Reh

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Solothurner Zeitung

Nicole Aregger

In diesen Monaten bringen Rehmütter ihre Jungen zur Welt und setzen sie im hohen Gras waldnaher Wiesen ab. Dummerweise ist jetzt auch die Heusaison voll im Gange. In den ersten paar Wochen können die Rehkitze ihrer Mutter noch nicht folgen und werden deswegen von ihr in vermeintlich sicheren Orten, inmitten von Heuwiesen, abgelegt. Bei drohender Gefahr duckt sich das Kitz und wird auf Grund seiner Fellfarbe und dem mangelnden Eigengeruch praktisch nicht wahrgenommen. «Dieses natürliche Verhalten wirkt sich beim heutigen, leistungsstarken Mähvorgang katastrophal aus», erklärt Peter Schlup, Leiter der Fachstelle für Wildtiere des Schweizer Tierschutz (STS). Trotz Schutzmassnahmen bleiben viele Rehkitz unentdeckt. Von den Mähern schwer verwundet kommen gesamtschweizerisch etwa 2000 Tiere um. «Wir rechnen aber mit einer deutlich höheren Dunkelziffer», so Peter Schlup.

«Wildretter» rettet Wild

Jäger streifen mit ihren Hunden durch die Felder um die Kitze aufzuspüren. Idealerweise werden am Tag vor der «Heuete» Tücher aufgehängt. Die Mutter holt daraufhin ihr Junges aus dem Feld. «Sie dürfen nicht zu lange hängen bleiben. Die Tiere gewöhnen sich mit der Zeit an die Unruhe», meint der Jäger Ruedi Dietschi aus Mümliswil. Mit Fuchskot und anderen bedrohlichen Gerüchen sollen die Rehe ebenfalls verscheucht werden.

Feldarbeit gefährdet Bienen

Die vielerorts eingesetzten Rotormäher sind eine Bedrohung für Bienen, erst recht wenn die Maschinen das Gras nicht nur schneiden sondern auch knicken. Gemäss einer Studie kommen pro Hektar 9000 bis 25 000 Bienen zu Schaden. Deshalb empfiehlt Erwin Mugglin, Präsident des Verbandes Bernischer Bienenzüchtervereine (VBBV), das Mähen bei mässigem bis starkem Bienenflug zu unterlassen. Stattdessen soll am frühen Morgen oder späten Abend gemäht werden, wenn der Bienenflug gering ist. Landwirtschaftliche Spritzmittel sind eine zusätzliche Gefahr. Auch wenn Vergiftungen dadurch selten vorkommen, sollte darauf geachtet werden bienenungefährliche Produkte zu verwenden. Ist dies nicht möglich, sollte am Abend gespritzt werden oder dann, wenn die herrschende Witterung einen Bienenflug ausschliesst. «Gesunde und starke Bienenvölker liegen im Interesse der Landwirte und der Imker,» sagt Erwin Mugglin.(nag)

Der STS testete mit dem landwirtschaftlichen Verband IP-Suisse und RevierJagd Schweiz in 2007 verschiedene Geräte. «Als einziges im Test hat der ‹Wildretter› überzeugt», sagt Peter Schlup. Der etwa 2200 Franken teure Apparat ist mit seinen fünf Kilo ziemlich schwer, erziele aber beste Ergebnisse. Die bis zu neun Metern ausziehbare Teleskopstange ist mit acht feinen Infrarot-Sensoren ausgestattet. Die Tiere werden mittels ihrer Körperwärme lokalisiert. Der IP-Suisse Bauer Peter Althaus aus Zollikoffen hat das Gerät schon getestet und stellt es anderen zur Verfügung. «Es wurden schon dutzende Rehe, Hasen und Igel damit gerettet! Am besten geht man zu zweit auf die Pirsch und dies früh morgens. Dann ist der Temperaturunterschied zwischen Reh und Umgebung am grössten.» Ruedi Dietschi ist nicht so begeistert: «Ich persönlich habe nicht so gute Erfahrungen mit Infrarotgeräten gemach, da es wegen schlechter Bediengungen häufig zu Fehlalarmen kommt. Das Feld mit den Hunden abzusuchen bringt immer noch am meisten.»

Die «vermähten» Tierchen sind nicht nur emotional betrachtet eine Tragödie, sondern können auch zu grossen Problemen führen. Bei der Tierfutter Herstellung ist ein toter Tierkörper fatal. Während der Verabreitung verwest das Fleisch und es bilden sich Bakterien, die bei Nutztieren wie Kühen Botulismus (Fleischvergiftung) verursachen. So können ganze Herden ausgelöscht werden. Deshalb sollte es nicht nur im Interesse der Jäger liegen das Jungwild zu schützen. «Leider gibt es immer noch viele Bauern, die sich nicht mit den Jägern absprechen bevor sie mähen», bedauert Ruedi Dietschi. Der Wild Biologe Marc Struch meint dazu: «Es ist schwierig das Mähen weit voraus zu planen. Wenn jemand sofort mähen will, so tut er das.» Trotz aller Massnahmen ist und bleibt das Aufspüren der Rehkitze ein Riesenaufwand. Um so wichtiger ist deswegen eine gute Zusammenarbeit zwischen Landwirten und Jägern. «Man darf den Aufwand nicht scheuen», betont Ruedi Dietschi.