Krippe
Schläge, Chaos, Zwangsfütterung, überfordertes Personal - massive Vorwürfe gegen Aargauer Krippe

Eine Kinderkrippe in Aarburg soll Kinder vernachlässigt, zwangsgefüttert und geschlagen haben. Die Leiterin dementiert. Die Gemeinde hat bereits eine externe Untersuchung eingeleitet.

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Kinderkrippe

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Keystone

Claudia Landolt

Die Vorwürfe könnten happiger nicht sein: Der «Tages Anzeiger» schreibt in seiner heutigen Ausgabe über unhaltbare Zustände in einer Aargauer Kinderkrippe. Bis zu 50 Kinder vom Säugling bis hin zum 12-jährigen Schulkind würden dort in viel zu kleinen Räumen betreut - nicht etwa von qualifiziertem Personal, sondern von unerfahrenen Praktikantinnen, Müttern oder Grossmüttern. Gestützt werden diese Behauptungen von ehemaligen Mitarbeiterinnen.

Die Leiterin der entsprechenden Krippe «Chinderhuus» in Aarburg, Ruth König, dementiert die entsprechenden Vorwürfe. «Das ist eine Frechheit!», sagte sie. Sie hatte keine Kenntnis über den publizierten Bericht. Der Journalist hätte sie lediglich gefragt, wie sie ihre Räumlichkeiten bewerte, und ob sie nur Praktikantinnen anstelle. «Wir haben kindergerechte Räume», bekräftigt Ruth König gegenüber a-z.ch. Sei wehrt sich gegen die Vorwürfe: «Um es genau zu sagen: Vier Räume à 100 Quadratmeter. Und ich zahle ein reguläres Salär - über 3000 Franken. Es stimmt, dass Mütter oder Grossmütter bei mir arbeiten. Aber auch diese werden rechtens und angemessen entlöhnt.»

Der Bildungsstand wird «weitervererbt»

Der Schweizer Thomas Fritschi hat zusammen mit seinem Kollegen Tom Oetsch vom Schweizer Büro für Arbeits- und sozialpolitische Studien die Studie "«Volkswirtschaftlicher Nutzen von frühkindlicher Bildung in Deutschland» geschrieben. Die Studie wurde 2008 vergangenen Jahr im «Spiegel» veröffentlicht.

Die Ergebnisse sorgten für Aufsehen. Die Erziehung von Kleinkindern hat einen hohen Einfluss auf den späteren Bildungsweg. Es zeigte sich, dass gut die Hälfte der Krippenkinder den Sprung aufs Gymnasium schafft, von den Nicht-Krippenkindern gelang das nur etwas mehr als einem Drittel.

Vor allem Kinder aus sozial benachteiligten Familien profitieren demnach von einer Krippenerziehung. So liegen bei in Deutschland geborenen Migrantenkindern der sogenannten «zweiten Generation» die Chancen auf einen Platz auf dem Gymnasium ohne Krippenbesuch bei etwa 17 Prozent, mit Krippenbesuch bei knapp 27 Prozent - eine beachtliche Kluft. Noch deutlicher ist der Unterschied bei Kindern, deren Eltern auf der Hauptschule waren: Der Krippenbesuch erhöhte die Wahrscheinlichkeit, den Sprung aufs Gymnasium zu schaffen, von 11 auf 20 Prozent. (cls)

Zwangsernährung, Schläge, fragwürdige Erziehungsmassnahmen
Auch von «Zwangsfütterung» und «Schlägen» will König nichts wissen: «Schlagen ist verboten. Wir schlagen unsere Kinder nicht, und wir behandeln sie auch alle gleich.» Im Artikel wird behauptet, es habe eine ehemalige Mitarbeiterin gegeben, die Kinder je nach Herkunft bevorzugt behandelt habe. So hätten manche gar nichts zu Trinken bekommen. Ruth König sagte gegenüber zu a-z.ch, die Vorwürfe stammten wohl von einer ehemaligen Mitarbeiterin, die in ihrer Vorgeschichte bereits mehrfach psychische Probleme gehabt und bei ihr eine Möglichkeit zum Wiedereinstieg gesucht habe. Sie hätte sich mit einer Mutter zusammengetan, die «vier Jahre lang ihr Kind zu mir in die Krippe gebracht hätte», ohne sich jemals zu beklagen. Doch auch wenn es sich so anhört, als ob die einstige Mitarbeiterin ihrer ehemaligen Arbeitgeberin Böses will: Auch die Gemeinde hat Reklamationen erhalten. Was ist dran an den Vorwürfen?

Branchenunüblich tiefe Tarife

Wie a-z.ch weiss, verfügt die Krippe über äusserst günstige Tarife. Ein Tag kostet 25 Franken - solch niedrige Ansätze sind ausser Konkurrenz. In Normalfall bewegen sich die Preise für zwischen 95 und 120 Franken schweizweit pro Kind und Tag. Die günstigen Tarife rechtfertigt König mit ihrem sozialer Gesinnung: «Ich wollte, dass beispielsweise auch Alleinerziehende oder Ausländer die Möglichkeit haben, ihre Kinder fremdbetreuen zu lassen».
Das «Chinderhuus» ist die einzige Krippe in Aarburg. Ruth König, ausgebildete Kita-Leiterin, hat sie vor 20 Jahren gegründet. Eine Bewilligung wurde von der Gemeinde regulär erteilt, wie es Artikel 2 und 13ff der eidg. Pflegeverordnung entspricht. Bis zu 63 Kinder werden grösstenteils von der Gemeinde in die Krippe geschickt. Die regelmässige Überprüfung solcher Einrichtungen dagegen liegt in der Verantwortung der jeweiligen Gemeinden. Wie der Gemeindeschreiber Urs Wicki auf Anfrage mitteilte, seien auch regelmässig Überprüfungen durchgeführt worden. Diese hätten aber keine Auffälligkeiten ergeben.

Die Erfahrung zeigt jedoch, dass diese Aufsichtspflicht nicht immer stattfindet. Ausserdem sind solche Überprüfungen auch immer «künstliche Situationen, denn die Beurteilungsbesuche werden ja in der Regel angekündigt», sagt eine ungenannt bleiben wollende Informantin zu a-z.ch.

Keine kantonalen Richtlinien

Problematisch jedoch ist, dass es im Aargau keine kantonalen Richtlinien zur Gründung und Führung einer Krippe gibt. Damit ist der Kanton Aargau ist einer der wenigen Kantone, die keine verbindlichen Richtlinien haben. Der Verband Kindertagesstätten der Schweiz KiTaS dagegen hat Richtlinien zur Qualitätssicherung einer Kindertagesstätte aufgestellt, die sich allerdings ausschliesslich an Mitglieder richtet. Das «Chinderhuus» in Aarburg ist nicht Mitglied, die Leiterin hat ihr Diplom als Kita-Leiterin vor 20 Jahren erworben. Heute bekäme sie damit keine Bewilligung mehr.

Überprüfung angeordnet

Anfang Monat hätte die Gemeinde Hinweise darauf bekommen, dass die Zustände in der besagten Krippe nicht optimal seien, sagt Urs Wicki zu a-z.ch. Daraufhin hätten sie, so Wicki, eine Untersuchung an eine externe Fachstelle gegeben. Dies habe aber nichts mit den publik gewordenen Vorfällen zu tun. Sobald die Ergebnisse vorlägen, würde man weiter Schritte prüfen. Ruth König sagte zu a-z.ch, dass man daran sei, ein Betriebskonzept zu erstellen.
Bleibt abzuwarten, welche Konsequenzen der Bericht hat. Laut Informationen, die a-z.ch vorliegen, zeichnet der Bericht kein gutes Bild: Die dortigen Verhältnisse sind nicht optimal. Die Situation entspräche eher einem Hütedienst denn einer Krippe. Die Situationen seien sowohl für Kinder als auch für das Personal oft an der Grenze zur Überforderung.

Gesellschaftliches Problem

Obwohl der Artikel wohl Wasser auf den Mühlen all jener ist, die der externen Kinderbetreuung grundsätzlich kritisch gegenüber stehen und die Rückkehr zum klassischen Rollenmodell propagieren, bleibt zu bedenken, dass sehr viele Eltern auf ein zusätzliches Einkommen angewiesen sind, die meisten Krippenplätze für Normalverdiener aber viel zu teuer sind. Nicht alle können also wählen (oder vermögen es), ob sie ihr Kind ins «Chinderhuus» oder in eine andere Krippe schicken wollen. In zahlreichen Studien belegte Tatsache ist vielmehr, dass gerade Kinder aus unterprivilegierten Verhältnissen selbst in einer schlechten Krippe noch besser aufgehoben sind als zu Hause.

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