Schenkkreis
Schenkkreis im Seetal vor dem Kollaps

Beim Mordfall in Grenchen sollen die Schenkkreis-Aktivitäten des Ehepaares ein mögliches Motiv geliefert haben. Die Anzeichen dafür verdichten sich. Auch im Seetal ist ein Schenkkreis aktiv, der steht kurz vor dem Kollaps: Seit dem Herbst des letzten Jahres gibt es keine Einzahlungen mehr – Neuanwerbungen harzen.

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Peter Keller

Die allzu menschliche Gier nach leicht verdientem Geld ist der Humus, auf dem skrupellose Drahtzieher unter immer neuen Namen Schneeballsysteme lancieren. Auch beim Mordfall in Grenchen, wo unbekannte Täter ein Ehepaar samt Tochter umgebracht haben, soll es ein Schenkkreis sein, der möglicherweise ein Motiv zur Tat geliefert hat. Schenkkreise gibt es auch in der Region. Ein nicht genannt sein wollender Informant aus Suhr weiss, dass nebst dem Wiggertal vor allem auch im Seetal einige Teilnehmer rekrutiert wurden. Wenn das versprochene Geld nicht fliesst, steigt der Druck.

Schneeballsysteme

Schenkkreise sind keine neue Erfindung, nur die Bezeichnungen der Schneeballsysteme wechseln. Eine harmlose Variante sind Kettenbriefe, die man an zehn Leute weiterleiten soll, um vom Glück gesegnet zu werden. Bricht die Kette ab, schlage das Schicksal gnadenlos zu, wird gedroht. Ebenfalls ein Schneeballsystem war der European Kings Club (EKC), der von Damara Bertges und Hans Günther Spachtholz gegründet wurde. In einem Aufsehen erregenden Prozess standen im März 14 ehemalige EKC-Mitarbeiter vor dem Bezirksgericht Kulm. Sie erhofften sich wie 25 000 andere Schweizer Anleger eine Rendite von 71 Prozent. Dies funktionierte nur, solange neue Anleger neue Zahlungen leisteten. 1994 krachte das System zusammen. Verurteilt wurde jedoch nur der Hauptangeklagte. (az)

Vor über einem Jahr bereits berichtete das zum MZ-Verbund gehörende «Zofinger Tagblatt» über das aus der Innerschweiz in den Westaargau überschwappende Schneeballsystem der so genannten «Schenkkreise». In dieser Variation der Abzockermasche werden jeweils acht Personen neu angeworben, die mit jeweils 8000 Franken Einsatz den Kreismittelpunkt mit 64 000 Franken auszahlen und sich einen Startplatz im grünen Sektor ergattern.

Moderatoren sind nervös geworden

Noch immer sind einige dieser Kreise in der Region aktiv, doch die Anzeichen verdichten sich, dass sie demnächst auseinanderbrechen und zahlreiche Einzahler mit Totalverlust zurücklassen. Die mit der Szene gut vertraute Person aus Suhr berichtet, dass inzwischen zumindest die Drahtzieher, die an den jeweiligen Treffen als Moderatoren auftreten, nervös geworden sind: «Der psychologische Druck auf die Treffteilnehmer, endlich neue Einzahler aufzutreiben, steigt und die Wortwahl wird aggressiver.»

Der Grund ist einfach: Die Rekrutierungen sind praktisch zum Stillstand gekommen. Der Informant hat Einblick in einen Schenkkreis, in dem Personen vor über zweieinhalb Jahren ihren Einsatz abgeliefert haben. Letztmals sei es im Herbst 08 gelungen, einen Neuen zum Mitmachen zu überreden. Trotzdem seien erst die Hälfte der grünen Einsteigerplätze «verkauft».

Das Anwerben ist strafbar

Die Promotoren von Schenkkreisen versuchen neue Zahler mit dem Argument anzulocken, die Sache sei völlig legal, denn es sei nicht verboten, etwas zu verschenken. Dies ist in der Tat korrekt, doch das Argument greift zu kurz. Wer in einem Schenkkreis mitmacht, verheddert sich spätestens dann im Gesetz, wenn er selber neue Personen zum Mitmachen überredet. Dies ist ein Verstoss gegen das Lotteriegesetz, auch wenn man die Einsätze Geschenke nennt. Es zählt nämlich die Erwartung der Leute, die ein Mehrfaches ihres Einsatzes zurückerwarten. Schenkkreise sind ganz klar als Schneeballsysteme zu klassieren, denn ihr Bestehen fusst einzig und allein auf dem Umstand, dass mit jeder Einzahlungs- und Auszahlungsrunde eine exponentiell steigende Anzahl neuer Personen einbezogen werden muss. (pk/az)

Treffen werden zum Zwang

Alle Investoren werden von den Promotoren unter Abmeldezwang dazu angehalten, sich vierzehntäglich im privaten Rahmen zu treffen. Dazu sollen Bekannte eingeladen werden. «Den Leuten wird eingebläut, den Neuen auf keinen Fall zu sagen, worum es wirklich geht.» Da kaum mehr erfolgreiche Anwerbungen in der Region möglich sind, wird der Kreis der Eingeladenen immer weiter gezogen. «Inzwischen finden Treffen auch in Zürich und in Basel statt», sagt der Informant. «Die Pflicht zum Mitmachen wird langsam zum Zwang.» Wer über einen längeren Zeitpunkt keine neuen Personen mitbringe, werde von den «Mitspielern» und den Leitern unter Druck gesetzt.

Negatives wird verdrängt

Überraschend sei, dass die meisten der Einzahlerinnen und Einzahler aus angesehenen beruflichen Verhältnissen stammten. «Niemand ist bis jetzt aber bereit, ernsthaft ein Scheitern des Systems in Erwägung zu ziehen; das liegt einerseits am psychologisch geschickten Vorgehen der Treffleitungen: Alles Negative wird verdrängt.» Typisch für das konspirative Vorgehen sei auch, dass keinerlei schriftliche Unterlagen, geschweige denn Einzahlungsquittungen bestünden. Die Menschen, die sich teilweise seit über zwei Jahren regelmässig treffen, kennen sich nur mit den Vornamen.