SBB lässt Häuser in Grenchen zerfallen

Die Bahn 2000 hatte einst einen Tunnel durch den Muntershügel in Grenchen vorgesehen. Dieser hätte die Pendler 33 Sekunden schneller nach Biel gebracht. Heute macht nur noch der jämmerliche Zustand der Häuser von sich reden, die die SBB damals enteignet haben.

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Grenchner Tagblatt

Sebastian Wendel

Nach dem Jawort des Schweizer Volks 1987 zur Bahn 2000 informierten die SBB im Mai 1990 im Parktheater Grenchen die Behörden und betroffene Privatpersonen: Im Rahmen des Mammutprojektes sollte auch in der Uhrenstadt die Strecke verändert werden. Die Kurve um den Eichholzhügel sollte begradigt werden, um dereinst mit neuen Zügen mit Tempo 200 durch Grenchen rasen zu können. Ein 930 Meter langer Tunnel vom Gebiet Schlachthausstrasse bis zum BLS-Trassee wurde den Anwesenden per Diashow vorgestellt. Aus damaligen Berichten dieser Zeitung ist zu entnehmen, dass die betroffenen Anwohner neben dem Eingriff in ihr Leben eine Verschlechterung des Bahnangebots in Grenchen monierten. Denn mit dem Tunnel wäre eine Abschaffung der Intercity-Stopps am Bahnhof Süd verbunden gewesen.

Vier Hausbesitzer enteignet

Auf der Wiese westlich des Eschenrainquartiers sollten die Züge laut dem Projekt unter Tag verschwinden. Von den Anwohnern wären einige Opfer verlangt worden. Sie hätten Land oder gar ihr Haus hergeben müssen, um der neuen Strecke Platz zu machen.

Vergeblich forderten Anwohner von den SBB klare Auskünfte bezüglich der künftigen Wohnqualität und allfälliger Wertverminderung ihrer Grundstücke. Die SBB enteigneten vorsorglich die Hausbesitzer an der Schlachthausstrasse 48, 58, 62 und 66. Auch mehrere Firmen im Südwestquartier zitterten ob dem Bauvorhaben. Der Tunnel hätte die Züge direkt in ihre Fabrikhallen ausgespuckt, oder es wären Erschütterungen durch die Zugdurchfahrten entstanden. Eine unmögliche Situation für Feinmechanikbetriebe.

Neue Züge statt Begradigungen

Es ist nie so weit gekommen. Der Baustart verzögerte sich, und die SBB vermieteten die gekauften Grundstücke bis zum erhofften Spatenstich.

Die Züge halten weiterhin in Grenchen und bewältigen die Strecke nach Biel immer noch inklusive der Kurve um den Eichholzhügel. Die einzige bauliche Massnahme, die umgesetzt wurde, war die Anhebung und Verlängerung des Perrons am Bahnhof Süd für die Intercity-Neigezüge.

Auf Anfrage erklärt SBB-Sprecher

Jean-Louis Scherz zum abgeblasenen Tunnelprojekt, Bahn 2000 habe den Schwerpunkt verändert. «Anstelle aufwändiger Begradigungen haben wir auf neues Rollmaterial gesetzt.» Diese Züge kommen mit den bestehenden Kurven besser zurecht. In Grenchen hätten auch Einsprachen von betroffenen Gemeinden und Privatpersonen zum Marschhalt beigetragen. Nicht zuletzt hätten Rochaden in der Geschäftsleitung von Bahn 2000 einem Teil der Projekte den Garaus gemacht.

Von ungepflegt bis abbruchreif

Die vier Grundstücke an der Schlachthausstrasse besitzen die SBB noch heute. Regelmässig gab es Kaufanfragen von Seiten der Bewohner, doch die SBB wiesen diese ab. Hofft man doch noch auf eine Realisierung des Projektes? «Im Moment besteht keine Absicht zum Bau des Eichholztunnels», stellt SBB-Sprecher Scherz klar. «Aber bis auf weiteres behalten wir die Grundstücke, um uns alle Optionen offenzuhalten.» Ob und wann die Häuser auf den Grundstücken abgerissen werden, wisse er nicht.

Auch in der Stadtverwaltung weiss man nicht, was die SBB mit den Grundstücken vorhaben. Inzwischen stehen die Häuser an der Schlachthausstrasse 62 und 66 leer. Laut Scherz werden sie regelmässig vom Immobiliendienst auf ihren Zustand überprüft. «Was saniert werden muss, wird gemacht.» Ein ehemaliger Bewohner, der nicht genannt werden will, widerspricht dem. Die Häuser seien abbruchreif. Anwohner ärgerten sich über den Anblick, der für ein hässliches Erscheinen des Quartiers sorge. Stadtbaumeister Claude Barbey bläst ins gleiche Horn: «Dieser Zustand ist höchst unerfreulich für unser Stadtbild. Wir werden entsprechende Abklärungen machen.» (Mitarbeit: DD)

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