Martin Reichlin

Das Verkaufspersonal stöhnt. Immer häufiger hat eine wachsende Zahl von Geschäften die Türen für die Kundschaft bis in die Abendstunden hinein geöffnet. Jüngstes Beispiel für diese Entwicklung ist der seit zwei Wochen laufende Versuch der Grossverteiler und Warenhäuser der Zürcher City, das Shopping auch samstags bis 20 Uhr zu ermöglichen. Damit sind die Öffnungszeiten in Zürich auf 66 Stunden pro Woche angewachsen - 1998 waren es noch 54,5. Und ginge es nach dem Winterthurer FDP-Nationalrat Markus Hutter, dürften die Läden bald noch wesentlich länger offen sein. Verbieten nämlich kantonales und eidgenössisches Recht heute dem grössten Teil der Detailhändler, Waren nach 23 Uhr und am Sonntag feilzubieten, fordert Hutter in einer Motion eine vollständige Liberalisierung.

Von Arbeitnehmerseite wird allerdings seit einiger Zeit Kritik am Trend zum Nacht- und Wochenendshopping laut. Angeführt von der Gewerkschaft Unia protestieren Verkäuferinnen und Verkäufer gegen die «extrem angespannte Situation» und «bedenkliche Zustände» am Arbeitsplatz, die Verletzung gesetzlicher Mindestvorschriften und ungenügende Personalbestände. Die Angestellten hätten die Nase voll von steigenden Einsatzzeiten und mehr Stress am Arbeitsplatz.

Wartelisten für Sonntagsdienst

Alle Angestellten? Fragt man die grossen Detailhändler, ist ein Teil des Personals derart interessiert an Einsätzen in Randstunden und an Wochenenden, dass man Wartelisten mit Freiwilligen führen müsse. So zumindest formulierte es Coop-Personalchef Peter Keller in der «NZZ am Sonntag». «Unser Personal arbeitet 41 Stunden pro Woche. Coop zwingt niemanden, am Sonntag im Einsatz zu stehen. Wir führen eine Warteliste mit Interessenten, die am Wochenende gerne arbeiten würden. Wer unregelmässig tätig ist, erhält gemäss Gesamtarbeitsvertrag entsprechende Lohnzuschläge.»

Wie viele Freiwillige stehen nun aber auf der Coop-Liste für Spezialschichten? Immerhin sollen über 75 Prozent des Verkaufspersonals laut einer Unia-Umfrage mit heutigen Öffnungszeiten unzufrieden sein. Es sei nicht möglich, darauf eine pauschale Antwort zu geben, meint Coop-Sprecher Nicolas Schmied. «Die Zahlen der Mitarbeitenden, die am Abend oder am Wochenende arbeiten möchten und deshalb auf einer Warteliste stehen, variieren von Verkaufsstelle zu Verkaufsstelle. Es handelt sich dabei häufig um Studenten und auch Hausfrauen, die erst ab 17 Uhr oder später arbeiten wollen, da der Ehemann dann die Kinder beaufsichtigt.» Zudem sei das Personal an den Lohnzuschlägen interessiert: 20 Prozent für Einsätze, die nach 21.30 Uhr enden, 50 bis 75 Prozent an Sonn- und Feiertagen.

Ähnlich klingt es bei der Migros. Eine genaue Zahl jener Angestellten, die den Einsatz in Randstunden oder am Wochenende bevorzugen, sei ihm nicht bekannt, so Remo Carini, Personalchef der Migros Zürich. Aber: «Die Leute machen das in der Regel freiwillig.» Die Migros biete rund 30 Arbeitsverträge mit verschiedenen Arbeitszeitmodellen an, vom Stundenlohn, über Teilzeit- bis zur 100-Prozent-Anstellungen. «In den Filialen hat der Kern der Angestellten die normale 41-Stunden-Woche. Damit diese ihr Pensum einhalten können, kommt in den Randzeiten Personal mit Stundenlohn- oder Teilzeitverträgen zum Einsatz.» Wer ein solches Arbeitsmodell wähle, habe dafür meist persönliche Gründe.

Im Namen von Manor schliesslich antwortet Elle Steinbrecher, angesprochen auf die neuen Öffnungszeiten in Zürich: «Unser Personal hat mit grossem Verständnis auf die verlängerten Öffnungszeiten reagiert.»

Shoppen am Samstagabend beliebt

Als durchwegs positiv bezeichnen alle drei Detailhändler die Reaktionen der Kundschaft, auf die neuen Samstagsöffnungszeiten. «Die Kunden nehmen sich am Abend viel mehr Zeit und können entspannter einkaufen», heisst es beispielsweise bei Manor. Und auch bei Coop und Migros zeigt man sich zufrieden, obwohl eine genaue Bilanz erst am Schluss des dreimonatigen Testlaufs gezogen werden könne.

Und wie antwortet die Konkurrenz auf die neuen Samstagsöffnungszeiten in der Innenstadt? Abwarten und beobachten, sagen die Einkaufszentren Sihlcity und Shopville. Für eine überhastete Reaktion bestehe kein Anlass. Gefragt, ob der Sonntag künftig kein Ruhetag mehr sein sollte, winken Manor und Coop übrigens ab. Nur die Migros meint, man würde den Sonntagsverkauf in Erwägung ziehen, wo er einem Kundenbedürfnis entspreche.