Russischer Entzug half nichts

Sogar als er glücklicher Familienvater geworden war, hatten ihn die Drogen nicht losgelassen. Schlimmer noch: Unter ihrem Einfluss verstösst er immer und immer wieder gegen das Gesetz.

Katja Schlegel

Der 33-jährige Serbe Tomislav (Name geändert) ist von der unbelehrbaren Sorte: Sein Sündenregister ist lang, die Verurteilungen sind zahlreich. Nun stand er erneut vor Gericht, weil er seiner Frau 2008 zweimal das Auto geklaut hatte und unter starkem Drogeneinfluss in der Gegend herumgefahren war - ohne Führerschein.

Wie er jetzt so vor Gericht hockt, im moosgrünen Sakko, wie ein Häufchen Elend, aschfahl im Gesicht, könnte er einem fast leidtun. Seit ein paar Wochen sitzt er hinter Gittern; zu gross war die Gefahr, dass Tomislav im Drogenrausch anderen Menschen Schaden zufügen könnte. Mit leiser Stimme erzählt Tomislav Gerichtspräsident Bruno Meyer seine Geschichte, knetet unentwegt seine Hände. Wie er mit 12 Jahren von seinen Eltern in die Schweiz geholt wurde und sich hier nicht zurechtfand. Dass er mit 16 zum ersten Mal Heroin konsumierte und mit Kokain und Cannabis weitermachte. Und wie er der Justiz in die Quere kam, acht Monate in Aarburg sass, seine Lehre abbrach.

Drogen gratis von Freunden

Mit 22 Jahren schaffte er in Russland dank einer ominösen und gefährlichen Entgiftungsmethode den Entzug. Danach war Tomislav fünf Jahre lang clean, aus lauter Angst davor, dass ihn die Nachwirkungen des russischen Medikamentencocktails bei erneutem Konsum töten könnten.

Warum er schliesslich dennoch wieder mit den Drogen angefangen hatte, kann sich Tomislav selbst nicht erklären. Er war glücklich, hatte inzwischen eine Frau und zwei Kinder. «Ich wollte es einfach noch mal probieren», sagt er kleinlaut, sei danach wieder voll drin gewesen und habe fast täglich konsumiert. Auf die Frage, wo er die Drogen jeweils herhatte, behauptet er: «Von Freunden geschenkt.» Damit gehandelt habe er nie.

Aber immer wieder wird er straffällig, seine letzte Verurteilung im Kanton Zürich ist knapp zwei Jahre her: 22 Monate Freiheitsstrafe bedingt, unter anderem wegen mehrfachen Raubes. Diesmal fordert die Staatsanwaltschaft 12 Monate Freiheitsstrafe unbedingt.

Tomislav bestreitet die Straftaten nicht, schreibt die Schuld den Drogen zu: «Wenn ich normal bin, tut es mir leid - aber wenn ich drauf bin, bin ich ein anderer Mensch», jammert er. Es gehe ihm heute schlecht, psychisch und physisch, sehr schlecht. Hoch und heilig verspricht er, mit den Drogen aufzuhören, allein schon seiner Frau und den Kindern zuliebe.

Urteil verzögert sich

Um einen Entzug wird Tomislav nicht herumkommen. Einstimmig beschloss das Gericht, ihn schnellstmöglich in eine therapeutische Massnahme zu versetzen. Dort soll auch ein neues Gutachten erstellt werden. Bis dieses vorliegt, wird das Urteil auf Eis gelegt.

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