Homo-Gesetz
Russische Weltmeisterinnen küssen sich aus Protest

Gegen die Diskriminierung von Homosexuellen in Russland wehrten sich zwei Leichtathletinnen. Nach dem Triumph in der 4x400-m-Staffel im Luschniki-Stadion küssten sich Tatjana Firowa und Xenija Ryschowa provokativ auf den Mund.

Michael Wehrle
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Kuss der russischen Weltmeisterinnen auf dem Podest.

Kuss der russischen Weltmeisterinnen auf dem Podest.

zvg

Sie wiederholten ihre Geste nach der Siegerehrung auf dem Podest und bezogen auch ihre Kolleginnen Julia Guschina und Antonina Kriwoschapka mit ein.

Im Juni unterzeichnete Russlands Präsident Wladimir Putin ein Gesetz, das die Verbreitung von Informationen über Homosexualität an Minderjährige unter Strafe stellt. Praktisch Einstimmig gab das Parlament, die Duma, ihren Segen dazu. Geldstrafen bis zu 30 000 Franken sind möglich, wenn Erwachsene vor Kindern über Homosexualität sprechen.

Ausländern droht die Abschiebung oder Arrest rechnen. Sportminister Vitaly Mutko verteidigte das Gesetz. Es schütze die junge Generation, deren Psyche noch nicht geformt sei. Mutko verglich Homosexualität mit Drogen- und Alkoholabhänigkeit. Für Unverständnis hatte die Äusserung von Stabhochsprung-Weltmeistern Jelena Isinbajewa gesorgt: «Ich unterstütze unsere Regierung.» Sie fürchte um die Zukunft ihres Landes, sollte das umstrittene Dekret keine Anwendung finden.

«Wenn wir all diese Dinge auf unseren Straßen zulassen, würden wir Angst um unsere Nation haben», sagte die Weltmeisterin. «Wir verstehen uns als traditionelles Volk», sagte sie: «Männer sollten Frauen lieben und umgekehrt. Dies ergibt sich aus der Geschichte. Ich hoffe, dass dieses Problem nicht die Olympischen Winterspiele in Sotschi belastet.» Wenig später ruderte Isinbajewa zurück und sprach von einem Missverständnis.

Einige Sportlerinnen, wie die schwedische Hochspringerin Emma Green Tregaro, hatten in der Qualifikation ihre Fingernägel in den Farben des Regenbogens - Symbol der homosexuellen Bewegung lackiert. Isinbajewa hatte diese Aktion kritisiert als «nicht respektvoll gegenüber unseren Menschen und Sportlern.»

Auch der Leichtathletik-Weltverband IAAF hatte die Schwedin gerügt und ihr verboten, für den Final noch einmal ihre Nägel entsprechend zu lackieren. Politische Statements seien nicht erlaubt. Schon vorher hatte US-Mittelstreckenläufer Nick Symmonds die Diskriminierung von Homosexuellen öffentlich kritisiert. Er widmete seine 800-m-Silbermedaille seinen schwulen und lesbischen Freunden.

Das Gesetz hatte schon vor der Weltmeisterschaft für Diskussionen gesorgt. Zweifel an der Offenheit und den Gastgeberfähigkeiten Russlands waren geäussert worden. Es wurden sogar Forderungen nach einem Boykott der Olympischen Winterspiele in Sotschi 2014 laut.

IOC-Präsident Jacques Rogge will gegen Diskriminierung vorgehen. Rogge erklärte, er sehe in der Diskussion um die Diskriminierung Homosexueller sowohl seine Organisation als auch die russische Regierung für Sotschi in der Pflicht. «Das Internationale Olympische Komitee ist sich darüber im Klaren, dass Sport ein Menschenrecht ist und allen zugänglich sein muss, ungeachtet von ethnischer Zugehörigkeit, Geschlecht oder sexueller Orientierung», sagte Rogge: «Wir würden uns mit aller Kraft jeglicher Bewegung entgegenstellen, die dieses Prinzip gefährdet.»

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