Walter Christen

Die Bausubstanz befand sich zuletzt in einem derart schlechten Zustand, dass sich eine Renovation des Mühlenkomplexes in Frick nicht gelohnt hätte – zu gross wäre der finanzielle Aufwand geworden, um die ehemaligen Mühlengebäude zu erhalten. Gegenwärtig erfolgt der Abbruch des grössten Teils der Häuserzeile an der Mühlegasse. Hinter den Abbruchobjekten entsteht eine Wohnüberbauung mit insgesamt 80 Wohneinheiten (der erste Spatenstich war am 4. März). Das Angebot umfasst 28 Eigentumswohnungen, 45 Mietwohnungen (davon 9 altersgerecht) sowie 7 Reihenhäuser mit möglichen Ateliers, die ebenfalls vermietet werden.

Von Getreidemühle bis Marmorwerk

Welche Bedeutung hatte der alte Mühlenkomplex im Dorf und wer war der Besitzer? Die AZ erkundigte sich beim historisch bewanderten Fricker Gemeindeschreiber Heinz Schmid, der herausgefunden hat: «Die nun im Abbruch befindlichen Gebäude gehörten gemäss dem ersten Verzeichnis der Gebäudeversicherung von 1787 zur Getreidemühle des Josef Herzog, die über viele andere Eigentümer im Jahr 1910 an den Bildhauer Johann Greising überging, dann an die Firma Greising und Brack und schliesslich an das Marmorwerk Brack und Herzog AG, an dessen Tätigkeit ich mich noch gut erinnere. Die hinter der Häuserzeile gelege-
nen Schöpfe gehörten zu dieser Firma. Alice Greising, Frick (ehemals Kleidergeschäft neben dem Café Kunz), ist eine Nachfahrin mit Jahrgang 1929.»

Der Gemeindeschreiber erinnerte sich daran, dass es von der alten Mühle noch ein Rundbogenportal gibt, das gemäss Baubewilligungsauflage in die neue Überbauung Mühlegasse integriert wird. Das gotische Rundbogenportal weist die Jahrzahl 1568 auf. Lukas Schweizer, der neue Eigentümer des Beck-Hauses im Hinterdorf, hatte Heinz Schmid auf das Portal aufmerksam gemacht, weil er (Schweizer) selber auf der Suche nach Bruchsteinen für den Eigengebrauch war.

Gemeindeschreiber Schmid weiss, dass das Tor der Eingang zum Büro der ehemaligen Firma Brack und Herzog war, weil er dem damaligen Gemeinderat Paul Brack jun. als Lehrling in den Jahren 1967 bis 1970 gelegentlich Post überbringen musste.

«Jedenfalls nutzte ich die Gelegenheit zur Besichtigung der Mühlegasse mit David Wälchli von der Kantonsarchäologie. Nach dessen Beurteilung handelt es sich um ein bestens erhaltenes Portal aus Spatkalk mit der ältesten bekannten Inschrift des oberen Fricktals an einem Profangebäude. Das Portal wurde wohl bei einem Umbau an diese Stelle versetzt und war, wie das Wappen zeigt, offensichtlich der Eingang zur Mühle, die der Mühlegasse den Namen gab. Die Tafel auf der Vorderseite des Gebäudes trägt die Jahrzahl 1775», so Heinz Schmid.

David Wälchli, bei der Aargauer Kantonsarchäologie ein Spezialist für alte Häuser und ein erfolgreicher Fricktaler Bauernhausforscher, empfahl zuhanden der Bauherrschaft, diesen wertvollen Torbogen durch einen Steinmetz fachgerecht entfernen und an geeigneter Stelle neu einbauen zu lassen.

Nach Angaben des Gemeindeschreibers war das Marmorwerk Brack und Herzog ein steinverarbeitender Betrieb und hat wohl deshalb eine sorgfältige Renovation des Rundbogenportals ausführen lassen.

Gebäudebeschriebe von 1787 bis 1828

Die Gebäudebeschriebe in den Gebäudeversicherungsbüchern lauten übrigens: die Mühle mit 1 Röll- und 2 Mahlgängen, Scheune und doppelte Stallung (1787). Ein zweistöckiges steinernes Haus samt einer Mühle, Scheune und Stall und Wagenschopf, mit Ziegeln gedeckt. Ein Häuschen mit gewölbtem Keller und mit Ziegeln gedeckt (1806). Eine Getreidemühle samt Wohnung, mit 2 Mahlhaufen und einer Röndle, von Stein, 3 Stock hoch, 1 Feuerwerk, 1 ungewölbter Keller, mit Ziegeldach (1828).