Rund 80 000 Aargauer leben mit zu viel Lärm

Im Aargau sind tagsüber rund 15 Prozent und nachts 11 Prozent aller Menschen Strassenlärm ausgesetzt, der über den Immissionsgrenzwerten liegt.

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Schweiz am Sonntag

von Alois Felber

Beim Bundesamt für Umwelt (Bafu) hat man diese Werte mit Berechnungen ermittelt, die extra auf Anfrage dieser Zeitung durchgeführt wurden. Dies, nachdem das Bafu mit Hilfe der neuen Lärmdatenbank «Sonbase» erstmals überhaupt die Lärmbelastung der Schweizer Bevölkerung durch Strasse, Bahn und Flugverkehr flächendeckend berechnen konnte. Schweizweit sind demnach 1,3 Millionen Menschen tagsüber Lärm ausgesetzt, der über den Immissionsgrenzwerten der Lärmschutzverordnung liegt. Allein der Strassenverkehr beschallt als Hauptlärmverursacher 1,2 Millionen Menschen zu stark. Und das sind 16 Prozent der Bevölkerung.

Im Durchfahrtskanton Aargau sieht es nun nicht viel besser aus, allerdings auch nicht schlimmer. Zwar wird der Aargau von breiten Lärmbändern der Autobahnen zerschnitten. Er weist zudem mit den Regionen Rheinfelden, Zofingen-Oftringen, Aarau, Baden-Brugg und Wohlen dicht besiedelte lärmige Agglomerationen auf. Offenbar gleichen die ruhigeren ländlichen Gebiete dies aber wieder aus. Die Berechnungen des Bafu kommen jedenfalls auf rund 80 000 Personen (15 Prozent der Bevölkerung), die tagsüber, und 58 000 Personen (11%), die nachts von Strassenlärm über den Grenzwerten betroffen sind. Der Anteil lärmgeplagter Menschen an der Bevölkerung ist sogar bei einer separaten Betrachtung der Agglomerationen Aarau oder Baden-Brugg, wie diese vom Bundesamt für Raumentwicklung definiert werden, nur leicht erhöht.

Die Grenzwerte der Lärmschutzverordnung bewegen sich allerdings, je nachdem, ob Erholungs-, Wohn- oder Indus-triezonen betrachtet werden, von 55 bis 70 Dezibel (dBA) am Tag und von 45 bis 60 Dezibel in der Nacht. Für die Frage, wie viele Menschen zu stark mit Lärm belastet sind, könnte man deshalb auch strengere Massstäbe ansetzen. So sind im Aargau rund 96 000 Menschen tagsüber mit mehr Lärm belastet, als es in reinen Wohnzonen zulässig wäre (60 dBA). Lärm über dem Vorsorgeschwellenwert der Weltgesundheitsorganisation (55 dBA) müssen sich tagsüber sogar 222 000 Menschen gefallen lassen. Das sind bereits mehr als 40 Prozent der Aargauer Bevölkerung.

Wo es gemäss Sonbase in der Schweiz wie laut ist, kann übrigens auf interaktiven Karten im Internet nachgeschaut werden (umweltzustand.admin.ch). Urs Walker, Leiter der Abteilung Lärmbekämpfung im Bafu, betont dazu, dass die Darstellungen auf Modellrechnungen basieren, nicht parzellengenau und natürlich nicht rechtsverbindlich sind. Die Datenbank diene vorab dazu, einen Überblick über die Lärmsituation zu schaffen und Szenarien durchzurechnen, um etwa die Wirkung verschiedener Lärmbekämpfungsmassnahmen zu prüfen. «Ausserdem ging es darum, der Lärmbelastung einmal ein Gesicht zu geben», so Walker.

Wenn es um die Konsequenzen der Lärmsituation an Ort und Stelle geht, ist deshalb nach wie vor der Kanton gefragt. Dieser weist - ebenfalls auf Karten im Internet (www.ag.ch/geoportal) - rund 9000 Gebäude aus, die von Strassenlärm über den Immissionsgrenzwerten betroffen sind. Als Betreiber der Kantonsstrassen muss der Kanton lärmbelastete Strassenabschnitte sanieren. 2008 gab er dafür 11 Mio. Franken aus.