Samuel Thomi

Bern hat in seiner Agglomeration im öffentlichen Verkehr zu Spitzenzeiten oft nicht nur zu wenige Plätze zu bieten. Als Antwort darauf plant die Bundesstadt nebst dem Bau des Tram Bern West, auch Schienen nach Ostermundigen und Köniz zu verlegen. Nein, Bern droht ob der dadurch generierten zusätzlichen Fahrten entlang der Innenstadtgassen in Zukunft auch von immer länger werdenden Trams halbiert zu werden.

Zu Stosszeiten fahren derzeit beispielsweise bis zu 46 Trams und Trolleybusse durch die Spital- und Marktgasse; das macht 92 Fahrten pro Stunde respektive alle 39 Sekunden ein Fahrzeug. Nach der Eröffnung des Tram Bern West Mitte Dezember sollen maximal 52 Fahrzeuge die Innenstadtgassen queren; macht alle 35 Sekunden ein Fahrzeug.

Diese Frequenzsteigerung bereitet Experten wie auch Politikern Kopfzerbrechen. Obschon in früheren Jahren und bei Bauarbeiten bisweilen bereits mehr Fahrzeuge durch einzelne Gassen des Unesco-Welterbes fuhren, nehmen auch die Personenströme in der Berner Innenstadt zu. «Trolleybusse sind das grösste Unfallrisiko», so Marco Rupp, Verkehrsplaner des Berner Büros Ecoptima: «Man hört sie kaum, und dann fahren sie erst noch nicht immer am gleichen Ort.»

Doch den Stein des Anstosses ortet der rechtsbürgerliche Verein «Entente Bernoise» in immer länger werdenden Trams: «Diese rote Tram-Wand alle paar Sekunden stört gewaltig», so Präsident Andreas Hubacher kürzlich an einem Podium des Vereins «Bern Vision 2020». Dessen Vorstandsmitglied Jean Perrochon ergänzte: «Am Zibelemärit und bei allen übrigen Festen ist es jeweils auch kein Problem, den öffentlichen Verkehr via andere Verkehrsachsen umzuleiten.»
Zu diesem Szenario sind die Verkehrsbetriebe diesen Sommer einmal mehr während fünf Wochen gezwungen, weil am Bahnhofplatz Garantiearbeiten ausgeführt werden, antwortete Bernmobil-Direktor René Schmid.

«Klar, kann es bei so vielen öV-Fahrzeugen in den engen Gassen manchmal schwierig werden», so Schmid. «Besonders an Samstagen im Advent.» Entsprechend sei auch Bernmobil an Ausweichrouten um das Nadelöhr Innenstadt interessiert. «Allerdings müssen Sie wissen, dass jede dieser Variante eine Verschlechterung der Erreichbarkeit für die Fahrgäste mit sich bringt.» Denn das Leben in Bern orientiere sich nun mal an der Achse Bahnhof-Bärenpark.

Unzufrieden mit dieser Perspektive warf Perrochon ein, «endlich die Idee» seines Vereins «ernsthaft zu prüfen». Eine U-Bahn für Bern nämlich. «Die Innenstadt als grösste Begegnungszone funktioniert, aber vielleicht nicht mehr lange», begründete er. Da gelte es vorausschauend zu handeln und «zumindest die Strecke für eine Untergrund-Tramlinie planungsrechtlich zu sichern».

«Prüfung der Tieferlegung ist ein berechtigtes Anliegen», so Rupp. Diese sei bereits erfolgt und verworfen worden, konterte die städtische Baudirektorin Regula Rytz. Zu stark wäre ein entsprechender Eingriff ins geschützte Stadtbild. Auf den Einwand aus dem Publikum, damit spiele man der Unesco in die Hände, Bern die Auszeichnung wieder abzuerkennen, hielt Rytz fest: «Solange wir die Altstadt nutzen und nicht verändern, verlieren wir den Status nicht.»

Die rote Tram-Wand ist damit noch nicht verschwunden. Doch den visionären Promotoren einer Untertunnelung Berns entfällt eines ihrer Argumente.