Ronchi war der erste Stadtratspräsident

Gaetano Ronchi verfolgte während seiner Zeit in der Lokalpolitik den Weg Langenthals vom Dorf zur Stadt. Die Nähe zur Bevölkerung und der Miteinbezug derselben lagen dem ersten männlichen Stadtratspräsidenten besonders am Herzen.

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az Langenthaler Tagblatt

Bettina Nägeli

Anfangs hatte er sich dagegen gesträubt, seine Zelte in Bern abzubrechen und diese im Oberaargau neu aufzuschlagen. Zu tief schienen die Wurzeln, die er durch die Tätigkeiten und Aktivitäten in seiner Heimat rund um die Hauptstadt geschlagen hatte. Seit jener Zeit der Unsicherheit sind mittlerweile über drei Jahrzehnte vergangen. Heute sieht sich Gaetano Ronchi im Oberaargau inzwischen fest verankert.

Trotz dieses Zögerns zog Ronchi 1972 des Berufes wegen nach Langenthal, um fortan die Leitung des gerade eröffneten Verkehrsprüfzentrums Bützberg in die Hände zu nehmen. Von Grund auf war er folglich an dessen Aufbau beteiligt, vergrösserte die Mitarbeiterzahl von 3 auf 15 und nahm in 29 Jahren rund 20 000 Führerprüfungen ab. Jene Jahre bezeichnet der Pensionär als eine Zeit, in der er Unmengen von Begegnungen gemacht habe, die ihn zunehmend mit dem Oberaargau und - damit einhergehend - mit der Gemeinde Langenthal verbanden.

Serie

90 Jahre Stadt-/Gemeindeparlament

Seit 90 Jahren ist in Langenthal das Parlament die politische Stimme der Stadtbevölkerung. Die 40 Mitglieder des früheren Grossen Gemeinderates und heutigen Stadtrates werden im Proporzverfahren von den Stimmberechtigten gewählt. Die Stadträte wählen im Parteienturnus ein Ratsmitglied aus ihrer Mitte für ein Jahr zur Präsidentin oder zum Präsidenten. Der Parlamentspräsident leitet die Sitzungen und nimmt als höchster Langenthaler auch repräsentative Aufgaben wahr. In einer losen Serie porträtiert diese Zeitung einige der bisherigen Parlamentspräsidentinnen und -präsidenten, die derzeit kein politisches Amt mehr bekleiden. (tg)

Er habe sich immer für die Menschen interessiert und sei darum bemüht gewesen, den Schwächeren eine helfende Hand zu bieten, erzählt der Gemeinschaftsliebende. Eben solche Berührungspunkte und Kontakte ebneten ihm schliesslich den Weg in die Langenthaler Politik. «Zuerst wollte ich mich aber beruflich etablieren. Zudem sollten die Kinder ‹aus dem Gröbsten raus› sein», unterschätzte der zweifache Familienvater das politische Engagement nicht. 1989 liess er sich ohne bisher jemals politisch aktiv gewesen zu sein auf der Liste der SP aufstellen - «ich wusste immer, wohin ich gehöre» - und wurde auf Anhieb in den (damals noch) Grossen Gemeinderat gewählt.

Der Rückzug auf dem Höhepunkt

Höhe- und zugleich Endpunkt seiner Laufbahn in der lokalen Politik war das Amt des höchsten Langenthalers - für Ronchi eine besondere Ehre, da er sich als der erste Stadtratspräsident Langenthals bezeichnen kann. 1997 erlebte die Gemeinde gewissermassen eine Sternstunde, darf sie sich doch seit jenem Zeitpunkt als «Stadt» bezeichnen. Aus dem zuvor Grossen Gemeinderat wurde der Stadtrat, wobei Verena Costa als erste Stadtratspräsidentin amtierte. Ihr Nachfolger für das Jahr 1998 und somit der erste männliche Stadtratspräsident: Gaetano Ronchi.

An jenes Jahr denkt «Toni», wie Ronchi seit seiner Kindheit von nahezu jedem gerufen wird, heute gerne zurück; es war zugleich das Jahr der Musik. An viele Stadtratssitzungen habe er jeweils eine Musikgruppe eingeladen, daneben auch zahlreiche Vereine. Bereits zu der ersten von ihm geleiteten Sitzung erschienen fast 100 Besucher. Er versuchte immerzu, «die Politik den Leuten einen Schritt näherzubringen». Dass jene Bemühung bis heute angehalten hat, zeigt sich in den Erzählungen über seine Stammtischtreffen: Dort werde oftmals über die Politik geflucht, wobei er seinen Standpunkt konsequent vertrete und zugleich als Ratschlag formuliere: «Lieber aktiv handeln, statt passiv reden.» Von Konsequenz und Rationalität zeugt denn auch Ronchis Entschluss, sich auf dem Höhepunkt aus der lokalen Politik zu verabschieden.

Die Erinnerungen bleiben

Heute geniesst der Familienmensch Ronchi abseits von politischen und gesellschaftlichen Verpflichtungen gerne private Momente; sei es beim Hüten seiner beiden Enkel oder beim Wandern mit seiner Frau. Nichtsdestotrotz reihen sich in den Gedanken des 71-Jährigen die Erinnerungen an seine politische Karriere, in welcher er in der Polizeikommission und in der Geschäftsprüfungskommission tätig war, perlenkettenartig aneinander. Ereignisse wie den Umbau des Schwimmbades oder den Bau der Dreifachturnhalle betrachtet er rückblickend als wichtige Schritte für ein selbstbewusstes Langenthal, an denen er aktiv beteiligt war.

Für ein Votum Buhrufe geerntet

Daneben musste sich Ronchi aber ab und an auch eines Besseren belehren lassen. So sprach er sich anfänglich öffentlich gegen die Unterstützung des Jugendtreffs Mühle durch die Gemeinde aus. «Ich war der Meinung, es seien ausreichend Vereine vorhanden, in denen sich die Jugend beschäftigen könne», bemerkt Ronchi und fügt schmunzelnd hinzu: «Da wurde ich von den spärlich anwesenden jungen Besuchern ausgebuht!»

Sein Blick schweift über den Balkon seiner Wohnung in die Ferne. Etwas mehr Weitsicht erhofft sich Ronchi auch für die hiesige Politik. «Einigen scheint nicht klar zu sein, dass es weniger darum geht, strikt nach Parteibüchlein zu wirken als vielmehr für das Wohl der Bevölkerung.»

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