Gaspistole
Romeo zückte die Gaspistole

18-Jähriger schoss auf den Vater seiner Freundin – acht Monate bedingte Freiheitsstrafe Sechs Schüsse aus einer Gasdruckpistole bedeuteten den Höhepunkt eines Konfliktes um die turbulente Beziehung zweier Jugendlicher. Das Amtsgericht hat den Täter gestern verurteilt.

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Amtsgericht

Amtsgericht

Aargauer Zeitung

Samuel Misteli

Das ist Stoff für ein Drama: Zwei blutjunge Leute lernen sich kennen und lieben, führen eine turbulente Beziehung, in der Eifersucht und Missverständnisse mitunter in Handgreiflichkeiten münden. Vor allem aber wird die amour fou von keiner der beiden Familien gebilligt: Sie hat die falsche Nationalität und die falsche Konfession, er ein zu langes Sündenregister und keine regelmässige Arbeit. Lieber bricht das Paar mit der Familie als miteinander: Sie flüchten zu nächtlicher Stunde, logieren in einem Solothurner Hotel, wollen sich eine Existenz aufbauen. Das Unterfangen ist zum Scheitern verurteilt: Sie lebt bald wieder bei ihren Eltern. Er ruft an, droht, gibt nicht auf.

Eskalation nach misslungener Flucht

Es kommt zum spektakulären Finale: An einem Donnerstagnachmittag holen die Eltern die Tochter von der Arbeit ab. Selbiges hat auch der missliebige Freund vor. Die Aufforderung, er solle die Tochter in Ruhe lassen, beeindruckt ihn nicht. Er zieht seine Liebste mit sich, sie beginnen zu rennen, werden aber vom Vater gestellt. Der Liebhaber verliert die Nerven. Er zieht eine Gasdruckpistole. Keine richtige Waffe, aber auch kein Theaterrequisit. Insgesamt sechsmal schiesst er auf den Vater, bis er von zwei Passanten gebodigt wird. Das Objekt seiner Begierde befindet sich inzwischen wieder in den Armen des Vaters.

Die Justiz sieht das Liebesdrama mit finaler Eskalation relativ prosaisch: Blerim T.* wurde angeklagt der qualifizierten einfachen Körperverletzung, der versuchten schweren Körperverletzung sowie der Tätlichkeit. Begangen am 21. August 2008 in Solothurn, Schmiedengasse.

Vater hat Kampf um Tochter aufgegeben

Einen Filmriss habe er gehabt, sagte der 18-Jährige T. gestern vor dem Amtsgericht Solothurn-Lebern. «Ich konnte mich nicht mehr kontrollieren.» Die Waffe hatte er einen Tag vor der Tat gekauft. Nicht in der Absicht damit auf den Vater seiner Freundin zu schiessen, wie T. versicherte, sondern zum Selbstschutz. Zum Schutz notabene vor seinem eigenen Vater, dessen Zorn der junge Kosovare damals fürchtete.

Nichts zu befürchten hat der arbeitslose T. von seinem Schwiegervater in spe. Dieser hat sich mit der noch immer bestehenden Beziehung abgefunden - was nicht heisst, dass er sie billigt. Groll gegen T. hegt er keinen, den Kampf um seine abtrünnige Tochter hat er aufgegeben. «Ich habe mein Möglichstes getan», sagt er. Immerhin: Die mittlerweile 18-jährige Detailhandelsangestellte ist trotz ihrer Beziehung mit Tunichtgut T. eine gute Schülerin. Das ist etwas Balsam auf die inneren Wunden des resignierten Vaters. Die äusseren an Hinterkopf, Rücken, Schulter, Oberarm und Unterschenkel sind längst verheilt. 2500 Franken Genugtuung wird ihm der Freund der Tochter dafür bezahlen müssen.

Richter: Täter zielte auf den Kopf

Juristisch blieb wenig zu klären: Über die Genugtuung war man sich einig, den Strafantrag wegen mehrfacher Drohung hatte die Tochter zurückgezogen, die Tätlichkeit an einer Passantin, die von einem Irrläufer getroffen wurde, war ebenso unbestritten wie die qualifzierte einfache Körperverletzung. Blieb die versuchte schwere Körperverletzung.

Dort lautete die Frage: Hatte Blerim T. auf den Kopf gezielt und damit eine schwere Verletzung in Kauf genommen? Nein, meinte der Verteidiger. T. habe sein Opfer nur am Kopf getroffen, weil sich dieses geduckt habe. Ja, meinte indes Amtsgerichtspräsident Frank-Urs Müller und berief sich dabei auf frühere Aussagen der Beteiligten. Blerim T. wurde folglich auch der versuchten schweren Körperverletzung schuldig gesprochen. Das Gericht verurteilte ihn zu einer Busse von 500 Franken und zu einer bedingten Freiheitsstrafe von acht Monaten - zwei Monate weniger als von der Staatsanwaltschaft, einen Monat mehr als von der Verteidigung gefordert