Roman Polanski: Nur «ein bisschen» vergewaltigt?

Zum Prozess kam es nie: Roman Polanski in einem Foto von 1977, als er das Gericht in Santa Monica verlässt.

Roman Polanski: Privilegierte Behandlung, weil er berühmt ist?

Zum Prozess kam es nie: Roman Polanski in einem Foto von 1977, als er das Gericht in Santa Monica verlässt.

Der Oscar-Preisträger Roman Polanski hat vor mehr als drei Jahrzehnten eine 13-Jährige vergewaltigt. Die hat ihm vergeben. Nun sitzt Polanski in Haft, und Hollywoods-Künstlergarde spricht von einem Skandal. Berufskollegen versteigen sich in Versuchen, die Tat des Regisseurs zu verharmlosen.

Claudia Landolt Starck

Zwei der frühesten Polanski-Unterstützer sind der Kino-Produzent Harvey Weinstein und die Schauspielerin Debra Winger, die Präsidentin des Zürcher Filmfestivals. Harrison Ford, Pedro Almodovar und Monica Bellucci sind nur einige der anderen bekannten Namen, die sich auf die Seite von Polanski schlagen, und in Einklang mit dem Verband der Regisseure von einem «ungeheuren Kulturskandal» und einer «Justizposse» sprechen. In aufgeregten Petitionen haben sie sich auf die Seite des 76-jährigen Regisseurs geschlagen, und fordern: «Free Polanski».

Im amerikanischen Frühstücksfernsehen meldete sich die Schwägerin von Polanski zu Wort, Debra Tate, die Schwester von Polanskis Ehefrau Sharon, die 1969 ermordet wurde. Diese beteuerte, der Geschlechtsakt sei «mit Einverständnis» geschehen. «Es gibt Vergewaltigung, und es gibt Vergewaltigung», bemühte sie sich um Spitzfindigkeiten. Sex mit dieser Frau - gemeint war die damals 13-jährige Samantha Geimer - falle in erstere Kategorie.

Die rechtlichen Feinheiten dieses nunmehr 31 Jahre zurückliegenden Falles sind kompliziert. Von Ungereimtheiten beim Prozess ist die Rede, von einer finanziellen Entschädigung des Opfers, vom immensen medialen Druck. Das Opfer sagte noch im Jahr 2005: «Polanski ist ein sehr arroganter, wichtigtuerischer, schauriger alter Mann. Ich denke, er konnte sich gar nicht vorstellen, dass irgend jemand kein Sex mit ihm haben wollte.» Geimer hat Polanski längst vergeben. Sie will sich schlicht nicht mehr daran erinnern, was ihr 1977 im Anschluss an Fotoaufnahmen im Haus der US-Schauspielerlegende Jack Nicholson widerfahren ist: Mit Champagner und Medikamenten gefüfig gemacht, wurde sie anschliessend vergewaltigt, pardon: ein bisschen vergewaltigt, wie Polanskis Schwägerin sagen würde und unlängst auch Schauspielerin Whoopy Goldberg verkündet hat.

Spielt es neben der Vergebung des Opfers und der langen Zeit, die vergangen ist, nicht doch vielleicht auch eine Rolle, dass Polanski ein bedeutender Künstler ist? Bei dem Ausmass an Protesten, die es auf Polanskis Verhaftung hagelte, konnte man den Eindruck gewinnen, die Vergewaltigung eines Kindes sei ein Kavaliersdelikt.

Aber bekanntlich gilt in Hollywood Berühmtheit als Tugend. Das Zusammengehörigkeitsgefühl der Filmgemeinde ist gross, die nach aussen demonstrierte Solidarität gewaltig. Das Verbrechen von Polanski, jenes polnischen Künstlers, der nach einer traumatischen Kindheit im jüdischen Ghetto den Holocaust überlebte, spaltet die Nation. Der Angeklagte engagierte am Mittwoch einen Star-Anwalt, der mit dem Fall befassten Richter befreundet ist. Mike Geragos ist ein Prominentenanwalt, der schon pikanterweise Michael Jackson und Winona Ryder nach ihrem Shoppingdiebstahl verteidigte. Er bezweifelt, dass Polanski jemals hinter Gittern landet. Denn einerseits sass Polanski schon damals 42 Tage in Untersuchungshaft, und andererseits sind Kaliforniens Gefängnisse überfüllt. So sehr, dass Gouverneur Arnold Schwarzenegger kürzlich frühzeitige Entlassungen ankündigte. Also findet Polanski vielleicht bei seiner Rückkehr in die USA auf unverhoffte Milde.

In der Zwischenzeit bittet Polanski via Verteidiger um den Umzug aus der Auslieferungshaft in sein Chalet im schönen Gstaad, wo er «Hausarrest» leisten wolle. Er sei ja schliesslich nicht mehr der Jüngste. Gleichheit vor Gesetz? Wohl nicht in diesem Fall.

Das deutsche Magazin «Stern» hat ein Portrait und Interview mit Roman Polanski aus dem Jahr 1980 hervorgekramt. Der Schriftsteller Martin Amis interviewte darin den der Vergewaltigung angeklagten Polanski wenige Jahre nach der Tat in dessen Wahlheimat Paris. Nach diesem Interview schrieb Amis: «Aktive Pädophile stehlen Kindheiten. Polanski, so kommt es dir vor, hat nie auch nur versucht das zu verstehen.» Ein Abschnitt darin lässt einen damals wie heute sprachlos. Polanski sagte: «Als ich vom Hotel zur Polizeistation gefahren wurde, sprachen sie im Autoradio schon darüber... Ich konnte es nicht glauben ... Hätte ich jemanden umgebracht, wäre es für die Presse nicht so anziehend gewesen ... Aber ... f**** ... und die jungen Mädchen. Richter wollen junge Mädchen f*****. Geschworene wollen junge Mädchen f*****. Alle wollen junge Mädchen f*****. Nein, da wusste ich, das wird ein grosses, grosses Ding.»

Aus: Amis, M. 1993: Visiting Mrs Nabokov and other excursions, London: Jonathan Cape (Roman Polanski: 246-254, erste Veröffentlichung 1980 im Magazin «Tatler»)

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