Rohr, adieu, und willkommen in Aarau

200 Jahre Selbständigkeit einer Aargauer Gemeinde, die es in der Geschichte nicht immer leicht hatte Nachruf.

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Rohr, adieu, und willkommen in Aarau

Rohr, adieu, und willkommen in Aarau

Hermann Rauber

Rohr. Rohr AG, wie es heute noch auf dem Ortsschild steht. Rohr? Nur wenige Aargauerinnen und Aargauer dürften mit dem Namen klare Assoziationen verbinden. «Rohr, das noch vor wenigen Jahrzehnten nur ein unbedeutendes Bauern- und Arbeiterdörfchen gewesen war, dessen paar Häuser sich lang-
hin an der Hauptstrasse Aarau– Brugg aufreihten, ist in den vergangenen Jahren zum Wohnort einer in Aarau arbeitenden Bevölkerung geworden», schreibt Charles Tschopp in seiner Landeskunde des Kantons Aargau noch 1953. Nur die «feuchte Talaue der Suhre» habe «vorderhand» den baulichen Zusammenschluss mit dem nahen Aarau «verhindert».

Finanzielle Grenzen

Es war letztlich aber nicht eine Trockenlegung, die den Gedanken einer Fusion reifen liess, sondern es waren die Gemeindefinanzen. Geldsorgen zogen sich denn laut Dorfchronist Paul Lüthy auch «wie ein roter Faden durch die Rohrer Geschichte», die 1810 mit der Abspaltung der Siedlungen Buchs und Rohr vom grossen Bann Suhr in die politische Selbstständigkeit führte.

Die allererste Anschaffung der neuen Gemeinde betraf eine Feuerspritze, wobei der pensionierte Sekundarlehrer Lüthy schmunzelnd erzählt, dass kein Geld vorhanden gewesen sei und der noch junge Gemeinderat, kaum im Amt, die Summe aus dem eigenen Sack vorschossen habe. Und die Buben schlugen auf der Strasse noch das Rad, wenn vornehme Kutschen vorbeifuhren, «um Aufmerksamkeit zu erregen und zu einer kleinen Spende zu ermuntern», schreibt Charles Tschopp.

400 Meter langes Strassendorf

Rohr war also ein rund 400 Meter kurzes Strassendorf, das sich eng an die Hangkante gegen den Schachen anschmiegte und sich so vor der häufig überfluteten Auenlandschaft schützte. Das Quell- und Grundwasser musste man schon für die Einzelhöfe in der Bernerzeit mühsam hochpumpen. Damals war der Weiler Rohr eine Rodungsinsel, trennte doch ein dichter Wald die Siedlung sowohl von Aarau als auch von Buchs. Immerhin baute man zu Beginn des 19.Jahrhunderts ein grosszügiges Schulhaus (heute Gemeindehaus), zum Gelächter der damaligen Nachbarn ausserhalb des einstigen Dorfzentrums. Denn effektiv reihten sich die paar Häuser entlang der Hauptstrasse, ungefähr ab der heutigen Endstation des Busbetriebes Aarau bis zum scharfen «Rank» vor dem Gasthof Sternen. Wer nicht an der alten Landstrasse wohnte, der lebte im Unter- oder im Ausserdorf. Rohr galt als das «unbedeutendste Dörflein weit und breit, war kleiner als Biberstein, Auenstein oder Asp und zählte um 1840 gerade einmal 38 Häuser, von denen 24 mit Stroh gedeckt waren».

Almosen aus der Stadt

Mit Einzonungen und einer wachsenden Bautätigkeit erlebten zwei Generationen von Rohr die wundersame Mutation des ärmlichen «Rucksackbauern-Dorfs» zu einer Agglomerationsgemeinde. 1929 verkaufte man die Wasserversorgung an die Stadt Aarau, nachdem Rohr (zusammen mit Unterentfelden) bereits 1914 erfolglos für eine Eingemeindung an die Tür des städtischen Rathauses geklopft hatte. Aarau winkte nämlich dankend ab, verpflichtete sich aber für jährliche Zuschüsse von einigen tausend Franken an den Rohrer Gemeindehaushalt, die bis 1950 Bestand hatten. Mit den ersten zwei Hochhäusern kamen in den letzten 60er-Jahren Neuzuzüger ins Dorf. In diesem hatten noch immer die ortsbürgerlichen Geschlechter der Richner, Weiersmüller, Hächler, Graf, Schmid oder Rohr das Sagen. Doch selbst in diesen Kreisen hielt sich der Widerstand gegen eine Fusion mit Aarau in engen Grenzen. «Vielleicht auch deshalb, weil in Rohr ein baulicher Kern als Identifikationsfaktor fehlte», mutmasst der ehemalige Lehrer Lüthy, der seine Pappenheimer kennt.

Wertvolle Naturlandschaft

Nicht gelungen sind mehrere Anläufe, mit einer Änderung der Nutzungsplanung Industrie oder grössere Gewerbebetriebe nach Rohr zu bringen. Zum Glück, ist man heute geneigt zu sagen, konnte doch damit die Naturlandschaft im Schachen oder im Quellhölzli erhalten werden, eine wertvolle «Morgengabe», die Rohr heute in die
Ehe mit Aarau einbringen darf. Manchmal ist es halt auf Dauer gar nicht schlecht, wenn man im Windschatten der Geschichte segelt. Die Höhepunkte in der Rohrer Geschichte sind eher dünn gesät, zu ihnen zählt Paul Lüthy namentlich die Elektrifizierung, die erste Brücke über die Aare nach Biberstein 1940 oder den Bau des Bahnhofs Rohr-Buchs mitten auf dem freien Feld anno 1928, der damals von Schülern und anderen SBB-Pendlern als «Lamberene» bezeichnet und in den 80er-Jahren aufgehoben wurde.

Wie muss man sich den «typischen Rohrer» vorstellen? «Er besticht durch Sparsamkeit und Solidität und hat nie mit der grossen Kelle angerichtet», skizziert Paul Lüthy das Bild, verbunden mit dem Hinweis, dass die Rohrer auch «bauernschlau» sein konnten. Etwa bei der Aufteilung des Waldbesitzes zwischen Suhr, Buchs und Rohr anno 1810. Sucht man in der Dorfgeschichte nach «berühmten Namen», nach legendären Auswanderern, Sportlern oder Kunstschaffenden, so wird man kaum fündig. Und auch der erste Rohrer Grossrat, der damalige Landarzt Paul Fehr, war ein Zuzüger aus dem Kanton Zürich. «Trotzdem provozierte diese Kleinräumigkeit ein ganz besonderes Zusammengehörigkeitsgefühl», charakterisiert Lüthy das dörfliche Leben, das durch Alltäglichkeiten dominiert war. Dieses Gemeinschaftserlebnis habe mit der zunehmenden Mobilität und Durchmischung der Bevölkerung gelitten. Rohr sei «anonymer» geworden, obwohl das Vereinswesen nach wie vor blühe und gedeihe.

Stadtteil mit Charme

Das soll auch so bleiben, verbunden mit der Schilderung der abtretenden Frau Gemein-deammann Regina Jäggi: «Rohr soll ab 1.Januar 2010 ein ländlicher Stadtteil von Aarau mit viel Charme, aufgestellten Menschen in Quartieren mit wunderschönen Gärten und mit einer wertvollen Naturlandschaft werden, samt drei Bauernhöfen, Wildschweinen und einem Gemeindehaus mit dem neuen Stadtbüro.»