Roger Köppel

Roger Köppels Leitsatz: «Misstraue jedem Konsens»

Roger Köppel, Chef und Verleger der «Weltwoche», geht nun auch den Deutschen auf den Geist, freilich mit Geist. Er sei «so freundlich wie der Portier eines Zürcher 5-Sterne-Hotels», schrieb eben die «Süddeutsche Zeitung», aber ein «Scharfmacher» und «idealer Rechtsaussen».

Max Dohner

Sein Haar wirkt zerzaust, die Wangen sind gerötet: untrügliche Zeichen eines intensiven Infights mit Sätzen und Buchstaben. Roger Köppel steckt, als wir ankommen, in einer längeren Arbeit über die Rockgruppe Krokus, die Titelgeschichte der nächsten «Weltwoche». Vom Fax quillt ein ganzer Stapel handschriftlich bekrakelten Papiers eines offensichtlich verwirrten und auf Köppel bösen Geistes. «Ganze Tropenwälder verbrauchen sie für solches Papier», bemerkt Köppel. Nachher, im Konferenzraum, ist er von der ersten Gesprächsminute an hochpräsent. Die Tür zur Redaktion bleibt offen, nachdem Köppel gefragt hat, ob uns das störe.

Herr Köppel, ist Weisheit ein erstrebenswertes Ziel im Leben?
Roger Köppel:
Ja, sicher.

Auch im Journalismus?

Köppel (überlegt): Was ist Weisheit? Angewandte Intelligenz und Lebenserfahrung. Das Wort sollte man nicht zu oft in den Mund nehmen. Im Journalismus muss es gleichwohl das vorrangige Ziel sein, mit Urteilskraft, Realitätseinschätzung, Augenmass eine fundierte Weltsicht zu entwickeln. Das schult wohl auch dieser Beruf. Man muss aber aufpassen, dass man als Journalist immer am Leben teilnimmt.

Jetzt gelten Sie eher als Gegentyp, als intellektuell kalter Kampfpublizist, vorzugsweise schwarz-weiss.
Köppel:
Schwarz-weiss ist keine schlechte Zuschreibung. Der Journalist muss versuchen, einen Missstand

möglichst klar zu benennen, auch namentlich die Person, die dafür die Verantwortung trägt. Das ist immer unangenehm für die Angegriffenen. Für ein klares Urteil muss der Journalist freilich in der Lage sein, die andere Position und Person in ihrer Berechtigung und ihren Bezügen zu begreifen.

Also könnte man zwischendurch ja auch mal aufhören, immer in die Kerbe vom Sozialschmarotzer zu hauen und stattdessen zeigen, dass jemand – dank Sozialprogrammen – aus der Unmündigkeit findet?
Köppel:
Wir sind ganz dezidierte Kritiker des real existierenden Sozialstaats und seiner Missbräuche. Und da würde ich nie, um diesem Argument die Kraft zu nehmen, eine ganz andere Geschichte hinein- flechten. Etwa die Frage: Warum haben wir überhaupt einen Sozialstaat? Man könnte auch das in Zweifel ziehen – so wie alles.

Es führte der Publizistik hierzulande sicher neue Luft zu, als die «Weltwoche» nach Ihrem Konzept loslegte. Einen Sommer lang war sie fast Kult in Zürich. Dann aber verbreitete sich rasch gebetsmühlenartige Monotonie. Was garantiert Ihnen, dass Ihre Art und Weise frisch bleibt?
Köppel:
In der «Weltwoche» fokussiere ich auf Recherche: unangenehme Dinge aufdecken, Gegensteuer geben zu allgemeinen Einschätzungen. Das nach bestem Wissen und Gewissen. Wir wollen den Leuten nichts vorgaukeln.

Haben Sie keine Angst, sich mal an sich selber zu langweilen?
Köppel:
Keinesfalls, solange wir dranbleiben und dagegenhalten, auch wenn hier draussen tausend Mahnwachen Aufstellung nehmen.

Wäre Köppel nur ein Mann des Furors, stünden Sie vielleicht weniger im Gezerre der Meinungen. Aber irritierend für Ihre Kritiker ist ja erst der Witz, Charme, Ihre Ironie. Was ist Ironie? Wissen, dass gar nicht alles aufgehen kann, was man posaunt. Glauben Sie, was Sie sagen?
Köppel:
Ich bin kein Politiker und schon gar kein Fels in der Brandung. Ich bin anderseits sicher kein Gambler. «Er will doch nur spielen», schrieb letzthin die «Zeit» – falsch.

Peer Teuwsen schrieb das, ein ehemaliger guter Kollege von Ihnen.Köppel: Und doch bleibt das fundamental falsch. Ich bin ein sehr neugieriger Mensch, interessiert – das unterschätzen meine Gegner vielleicht – auch an dem, was wir in der «Weltwoche» kritisieren. Was sich bei mir immer durchzog, ist mein Unbehagen am Konformismus. Im Übrigen habe ich nichts gegen eine Mission. Sollte ja der Wesenszug eines Chefredaktors sein, der sich nicht nur mit der letzten Spesenabrechnung beschäftigen will.

Wieso wirkt die «Weltwoche» trotzdem oft wie ein betonierter Kanal: keine Strudel, keine Zuflüsse?
Köppel:
Die Tatsache, dass wir einen Christoph Mörgeli und einen Peter Bodenmann nebeneinander publizieren, ist nach wie vor die grösste geistige Bandbreite, die irgendeine Schweizer Zeitung auf der gleichen Seite zustande bringt.

Eine Breite dank äusserer Stimmen. Intern ist offenbar das Gegenteil der Fall: Ein einstiger «Weltwoche»-Mann schildert die Redaktion als straff geführte Legionärskohorte, wobei unter den Römerschildern weitaus zähere Soldaten traben, Spartaner.
Köppel
(lacht): Ich wünschte mir den Effizienzgrad und die Organisation, die in dieser Metapher durchschimmert. Ich empfinde es leider immer noch als sehr chaotisch. Unser Programm ist anstrengend. Es ist viel einfacher, eine Sache im «Sowohl als auch»-Stil abzuhandeln.

Nicht, wenn die Nuancierung auf Scharfsinn und Einsicht beruht.
Köppel:
Jeder Journalist muss sich fragen: Wo ist der Punkt der Intensität bei meiner Story? Der kann in der humorvollen Sprache liegen, in einer genialen Beschreibung, in der knallharten Aufdeckung eines Missstands, in einer brutalen Provokation – wie auch immer, aber man muss an diesen Punkt der Intensität herankommen. Verstärkt unter meiner Führung hat sich sicher ein obrigkeitskritischer Ansatz.

Mit Ausnahmen. Solang Christoph Blocher nicht zur Obrigkeit gehörte.
Köppel:
Stimmt nicht. Natürlich gab und gibt es eine grosse Übereinstimmung bei Themen, die Blocher behandelt hat. Die Frage aber ist: Sind wir so hypnotisiert von dieser Person, dass wir sie und die SVP nicht mehr kritisieren würden? Da lache ich. Wie lange schon kritisieren wir die Landwirtschafts-Subventions-Mentalität der SVP! Wer in der Schweiz schaffte ein kritischeres Interview mit Blocher, nach seiner Abwahl, als die «Weltwoche»?

Ist das bei Ihnen ein Charaktermerkmal: Da, wo Konsens herrscht. . .
Köppel:
Muss der Journalist rein- schneiden, ja. Konsens ist per definitionem gefährlich. Im besten Fall ist er der Weisheit letzter Schluss. Ich aber stelle die Maxime auf: Misstraue jedem Konsens! Vor allem jenem, den du selber aufbereitet hast.

Das macht einen zum Lonely Rider.
Köppel:
Das sollte jeder Journalist sein. Wenn es eine gefährliche Berufskrankheit gibt, nicht nur unter Journalisten, dann ist es die, sich zu fragen, was die anderen denken, wenn ich das oder das tue.

So «lonely» scheinen Sie nicht, eher überall präsent, jetzt auch im deutschen Fernsehen. Ziemlich ambivalent: In der Schweiz kritisieren Sie das Land und kassieren Prügel. In Deutschland loben Sie die Schweiz und bekommen zu Hause wieder Applaus. Warum sind Sie zum Medien-Ambassadeur der Schweiz geworden und nicht Frank A. Meyer?
Köppel:
Würde man Frank A. Meyers politisches Programm umsetzen, wäre man hier bald unterwegs nach Nordkorea. Wenn ich dieses Programm zusammenfassen darf, lautet es so: Wie kann ich eine Oase in eine Wüste verwandeln? Ich arbeite eher dahin: Wie kann man eine Wüste wie Deutschland in eine Oase wie die Schweiz verwandeln?

Ganz nach Dürrenmatt: «Entweder muss die Welt verschweizern, oder die Welt wird untergehen»?
Köppel:
Absolut.

Also funktioniert unser Staat. Es genügt, Urs Paul Engeler als «Kostenkontrolle» in Bern zu stationieren, um den Mist der Amtsschimmel aufzuzeigen. Ansonsten wendet man sich schöneren Aufgaben zu.
Köppel:
Das reicht natürlich nicht, obwohl die Schweiz die bestorganisierte Anarchie des Abendlandes ist. Dieses System muss man den Deutschen schon erklären.

Klingt fast wie Moritz Leuenberger, der auch immer klagt, er müsse den Deutschen erklären, was ein Schweizer Bundespräsident sei.
Köppel:
Offenbar wirkts bei ihm nicht besonders stark.

Gerade dazu: Sind Sie für eine zweijährige Amtsdauer des Bundespräsidenten oder der -präsidentin?
Köppel:
Ganz schlecht. Das sind Bürokratenideen, bei denen versucht wird, die Exekutive zu stärken.

Sie kennen Wallenstein und sein Prinzip. Damit hatte er so lange einen solch phänomenalen Erfolg, dass er gar nicht einsehen konnte, dieses Muster zu ändern, als das gleiche, das ihn stark machte, den Keim in sich trug, ihn zu zersetzen.
Köppel:
Noch ist es weit bis zu einer Erfolgsdimension eines Wallenstein. Ich hatte auch meine unsicheren Phasen. Aber ich schaue nicht in die Sterne wie Wallenstein.

Was gibt Ihnen die Kraft? SVP-Politiker würden sagen: eine Frau im Hintergrund und Kinder.
Köppel:
Natürlich. Aber ich werde nicht hingehen und einen Artikel meiner Frau widmen oder den Erfolg in einer Talkshow dem Lächeln meines Sohnes verdanken.

Ist der unternehmerische Erfolg da?
Köppel:
Auflage haben wir jetzt 85000. Wir fingen an auf 78000. Die «Weltwoche» ist profitabel. In der ganzen Repositionierung ist das ein Supererfolg, ganz besonders bei Wahrnehmung und Diskurskraft.

Man hört, Ihre Aboabteilung werbe Kunden an mit dem Argument, Köppel stehe nicht mehr so rechts.
Köppel:
Tatsächlich scheinen sich einzelne Telefonverkäufer selber einen Auftrag gegeben zu haben. Ich kann hier sagen: Die «Weltwoche» bleibt so unbequem wie eh und je.

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