Urs Moser

Am Dienstagabend war Jagdaufseher Hans Locher vom Revier 31 Niederrohrdorf auf dem Heimweg vom Hundesport, als sein Scheinwerfer eine seltene Erscheinung streifte. Das Tier blieb einen Moment stehen, für den Fachmann Zeit genug, um zweifelsfrei zu erkennen: ein Rothirsch. Das Geweih des jungen Stiers zählt mindestens sechs, eher acht Enden, berichtet der Jagdaufseher.

Der Rothirsch gilt im Aargau seit 200 Jahren als ausgerottet. Als einer der letzten grossen Jäger auf Hirsche galt Sigmund von Effinger. Auf Schloss Wildegg zeugen noch heute prächtige Trophäen davon, dass einst kapitale Hirsche die Aargauer Wälder bevölkerten.

Der Hirsch: eine Persona non grata

Das könnte in Zukunft wieder so sein. An sich fänden Rothirsche im Mittelland ideale Bedingungen vor, die sie prächtiger gedeihen lassen würden als im alpinen Raum, den sie heute hauptsächlich bevölkern, erklärt Johannes Jenny von Pro Natura Aargau. Zum heutigen Zeitpunkt sei die Beobachtung von Jagdaufseher Hans Locher aber «eine mittlere Sensation».

Dass ein Hirsch gesichtet wird, der den Weg bis in den Aargau schafft, passiert nur alle paar Jahre. Und wenn, dann muss er auf der Hut sein. Ein Exemplar wurde vor etwa vier Jahren von einem Postauto angefahren, bevor ihm die Jäger nachstellen konnten. Rothirsche waren bislang ungebetene Gäste, allgemein galt die Doktrin, dass es in den Aargauer Laubwäldern keinen Platz für Hirschpopulationen hat. Denn die Schäden, die sie anrichten, sind nicht unbeträchtlich.

Heute betrachte man Wälder aber nicht mehr einfach als Holzäcker. Die Forstwirtschaft müsse sich fragen, ob diese Nulltoleranz-Strategie noch richtig sei oder nicht ein moderater Bestand an Rothirschen in freier Wildbahn wieder denkbar wäre, so Jenny.

Der Besuch des Jungstiers, der vermutlich aus der Innerschweiz stammt und via Albis den Weg ins Aargauer Mittelland fand, könnte ein Anfang sein, hofft man bei Pro Natura. Denn nachdem umliegende Kantone ihre Jagdpraxis bereits geändert haben und Hirschen auf Wanderschaft nicht mehr konsequent den Garaus machen, rechnet man bei Pro Natura mit vermehrten Sichtungen der stolzen Tiere im Mittelland.

Wiederansiedlung denkbar

Zu sagen, dass der Geschäftsführer von Pro Natura mit seinem Wunsch offene Türen einrennt, wäre übertrieben. Aber das Thema Wiederansiedlung von Rothirschen steht tatsächlich auf der Traktandenliste der kantonalen Jagdverwaltung. Man strebe ganz sicher keine aktive Wiederansiedlungspolitik an, aber wenn Wildtiere einwandern, heisse man sie willkommen, umschreibt René Urs Altermatt die Haltung des Kantons.

Der Leiter der Sektion Jagd und Fischerei verweist auf den bundesrechtlichen Auftrag, den Bestand einheimischer Wildtiere zu erhalten und zu fördern. Und auf Rothirschkonzepte, die es in anderen Kantonen bereits gibt.

Eine Frage der Interessenabwägung

Man sei auch im Aargau daran, ein solches Konzept auszuarbeiten. In der Jagdexperten-Kommission, neu kurz Jagdkommission, soll breit diskutiert werden, wie das Management eines künftigen Rothirsch-Bestandes anzugehen wäre. Die Kommission ist das beratende Organ des Kantons für die Jagdpolitik, vertreten sind alle involvierten Kreise wie Jagd, Naturschutz, Land- und Forstwirtschaft.

Und sein Signal zur Offenheit für die Wiederansiedlung von Rothirschen will Altermatt denn auch mit einem Aber ergänzt wissen: Es komme nur ein Konzept infrage, das die verschiedenen Nutzungs- und Schutzinteressen gegeneinander abwiegt. Eines ist aber klar: Die Vorzeichen für die Diskussion haben sich geändert. Der Kanton Bern zum Beispiel will dem Rothirsch erklärtermassen die Tür ins Mittelland öffnen.