Freddy Nock
Retter zwischen Fluss und Himmel

Als «Hero on Wire» wurde Freddy Nock in Seoul gefeiert, weil er einen russischen und einen chinesischen Teilnehmer aus 30 Meter Höhe heruntergeholt hatte. Dieser ungewöhnliche Titel bedeutet dem Sohn aus der Nock-Dynastie noch mehr als seine Goldmedaille.

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Freddy Nock

Freddy Nock

Keystone

Barbara Vogt

Freddy Nock sitzt am Tisch in seinem Haus in Uerkheim, trinkt eine grosse Tasse Kaffee. Sein T-Shirt trägt die Aufschrift der Feuerwehr Uerkental. Am Abend zuvor hat diese eine Übung durchgeführt. «Da wurde es ein bisschen spät», meint er mit einem Augenzwinkern. Er gehöre der Truppe mit der gefährlichsten Aufgabe an: dem Atemschutz.

Typisch für den 44-jährigen Hochseilakrobaten. Je gefährlicher, je höher, desto spannender. «Auf dem Seil spüre ich das Adrenalin.» In erster Linie aber hat Freddy Nock Freude an seinem «Job». «Auf dem Seil habe ich Selbstvertrauen. Ich weiss, wie weit ich gehen darf, wo meine Grenzen liegen. Das hilft mir fürs Leben.» Er gehe mit dem Seil, nicht das Seil mit ihm. Er spüre jede Schwingung, jeden Schlag, jede Welle, jede Bewegung. «Ein Gefühl, als berühre man die Frau, die man liebt.»

«Er ist mein Hero», sagt seine Lebenspartnerin Ximena Soltermann. «Ich spüre seine Freude, sehe seine leuchtenden Augen, wenn er auf dem Seil steht.» Als Freddy Nock am letzten Sonntag in Seoul (Korea) in 30 Meter Höhe über den Fluss Han River «segelte», habe sie keine Angst gehabt, «ich bekam lediglich schweissige Hände vor Anspannung. Aber ich wusste, er kann das.»

Freddy Nock dachte anders, als er das einen Kilometer lange Seil erstmals erblickte: «Das Ende lag unendlich weit weg, da wurde es mir schon mulmig.» Auch gab es kein Sicherheitsnetz, Trainingsläufe waren verboten. Natürlich bereitete sich Nock zu Hause auf den Wettkampf vor, ging lange joggen und lief über sein Hochseil im Garten.

«Doch zehn Meter sind nicht ein Kilometer.» Und auch die Erfahrung von seinen «Spaziergängen» über Tragseile von Luftseilbahnen hätten ihm wenig geholfen. «Das Hochseil in Seoul gab andere Wellen, schlug aus, als ich es nicht erwartete.» Der einzige Halt in luftiger Höhe war die Balancierstange, die er aus der Schweiz mitgenommen hatte.

Zirkus im Blut

Freddy Nock wuchs im Zirkus Nock auf. Mit vier Jahren stand er auf dem Seil. Ein Erlebnis prägte sein Leben: Der Angriff eines Bären, ein Jahr lang lag er danach im Kantonsspital Aarau. «Seither trage ich die Stärke des Bären in mir.» In seiner Show wirbelt er im Todesrad, rast mit dem Motorrad in einer Eisenkugel und schiesst mit der Armbrust Äpfel von Köpfen.
Auf dem Hochseil hat Nock etliche Rekorde aufgestellt. 2006 sicherte er sich den Weltrekord: Auf dem Tragseil der Säntis-Schwebebahn legte er über einen Kilometer zurück. Freddy Nock hat vier Kinder, eine Tochter fährt mit ihm in der Eisenkugel. www.freddynock.ch (bA)

Freddy Nock schaffte es: In zehn Minuten und 18 Sekunden war er am anderen Ufer des Han River. Er schlug sämtliche Konkurrenten, sogar die Chinesen, die sich im Trainingslager auf diesen Hochseillauf vorbereitet hatten, und stellte gleich noch einen neuen Weltrekord auf. Andere Läufer brauchten zum Teil eine Stunde, bis sie über den Fluss waren.

Die Freude über diesen Erfolg war so gross, dass Freddy Nock spasseshalber ohne Stange übers Seil lief und über seinen Freund Mika aus der Mongolei - seit sieben Jahren sind die beiden Partner - sprang. «Das nächste Jahr mache ich den Kopfstand!» witzelt er.

Noch mehr Stolz empfindet der Artist über die Auszeichnung «Hero on Wire». Das in Dunkelblau eingefasste Dokument beschreibt, wie Nock einen Chinesen und einen Russen rettete, weil sie aus Erschöpfung auf dem Seil landeten und nicht mehr weiterkonnten. Nock begab sich mit der Stange zu ihnen und führte sie hinter sich Schritt für Schritt auf sicheren Boden.

Ende Juni hat Freddy Nock einen Auftritt in seiner Wohngemeinde. Am Jugendfest wird er auf dem Seil vom Schulhausplatz zum rund 16 Meter hohen Kirchturm hoch- und runterlaufen. Darauf freut er sich besonders. «Die kleine Kirche Uerkheim hat es mir angetan, sie ist ein Grund, wieso ich mit meiner Lebenspartnerin und den Kindern hierher gezogen bin.»