Altersheim

«Reserviert für Rösli», hiess es auf dem Lehnstuhl

Rosa Morgenegg: «Der Tod geht immer nahe, auch wenn er eine Erlösung ist.» (wpo)

Rosa Morgenegg

Rosa Morgenegg: «Der Tod geht immer nahe, auch wenn er eine Erlösung ist.» (wpo)

Am Samstag feiert das Alterszentrum Mittleres Wynental in Oberkulm (AZO) den 30. Geburtstag. Rosa Morgenegg war seit dem ersten Tag dabei, mehrheitlich als Nachtwache. Sie hat Dutzende von Menschen beim Sterben begleitet. Abgestumpft? Wenn sie sich erinnert, schiesst ihr auch mal eine Träne ins Gesicht.

Peter Weingartner

Die Heimleitungen gingen; Rosa Morgenegg blieb. An ihrem ersten Arbeitstag vor 30 Jahren musste sie um 19.45 Uhr den Dienst antreten. «Ich habe mich den Leuten vorgestellt; es waren erst drei, vier Bewohner da», erinnert sie sich. Und sie weiss noch, dass sie in der ersten Nacht nicht gut habe schlafen können. Mit der Zeit seis besser gegangen. Im Zimmer gabs Fachbücher, und die hat Rosa Morgenegg studiert: «Ich komme vom Verkauf her.» Rapporte waren damals in ein Heft zu schreiben; es gab kein «Kardex», jenes ausführliche Dokument mit unzähligen Informationen.

Papierkrieg nahm zu

Jede Handreichung hat ihren Preis. Das ist so im heutigen Gesundheitswesen. Und deshalb muss jede Handreichung dokumentiert sein. Papierkrieg, sagt Rosa Morgenegg und ist nicht glücklich darüber: «Das geht an der Zeit ab, die wir für die Betreuung der Bewohner haben.» Wenn sie auf die 30 Jahre zurückblickt, fällt ihr auch auf, dass die Bewohner heute viel später ins Heim kommen. Das Altersheim - im Volksmund sage man ihm so, auch wenn man offiziell heutzutage von Alterszentren oder gar Residenzen spricht - wird immer mehr zum Pflegeheim. Dank Spitex können viele Betagte länger zu Hause bleiben.

«Die Leute sollen sich hier möglichst zu Hause fühlen», sagt Rosa Morgenegg. Das zu ermöglichen, ist die Aufgabe des Pflegepersonals. Da haben technische Errungenschaften wie Matratzen, die sich leicht bewegen und so das Wundwerden verhindern, oder Lifte ihr Gutes.

Man müsse sich einfühlen können, denn es ist nicht leicht für eine Bauernfrau, die mehr als 10 Kinder grossgezogen hat, zu verstehen, dass keines der Kinder die Möglichkeit hat, sie bei sich aufzunehmen. «Wenn man die Biografie eines Menschen kennt, ist das eine grosse Hilfe im Umgang», sagt Rosa Morgenegg. Viele könnten kaum akzeptieren, dass sie ihre Selbstständigkeit verloren haben. Sie kennt dieses Leben: «Lieber ein paar Jahre früher gehen als zum Pflegefall werden.»

Wer die Lebensgeschichte kennt, kann besser mit Demenzkranken umgehen. Ernst nehmen einerseits, ablenken, auf ein anderes Geleise führen anderseits. Als ein alter Mann ein Diner verlangte, hat sie ihn mit Schinkenbrot und einem Glas Wein zufriedenstellen können. Mit Kleinigkeiten eine Freude bereiten: «Manchmal wäre ein Glas Wein besser als Tabletten.» Aus ihren Worten spricht reiche Erfahrung.

Wer im Altersheim arbeitet, weiss: Der Tod ist gegenwärtig. Nein, man gewöhne sich nicht daran, sagt Rosa Morgenegg. Wenn man eine Person längere Zeit gepflegt hat, müsse man manchmal, obwohl der Tod letztlich als Erlösung gekommen sei, trotzdem «echli lätsche».

Es gehe darum, den Menschen einen möglichst schmerzfreien Tod zu ermöglichen, die sterbende Person würdevoll zu behandeln. Im Zimmer sitzen und ihr die Hand halten. Über den Arm streichen, wenn die Hand keine Reaktion mehr zeigt. Viele Menschen wollten allein sterben, und das verstünden viele Angehörige nicht. Rosa Morgenegg hat das oft erlebt: Wenn die Angehörigen nicht mehr da waren, konnten sie sterben. Dann beginnt die Arbeit des Pflegepersonals. «Zwägmache». Wie gekleidet soll die tote Person in die Aufbahrungshalle? Totenhemd? Kleidung? Tracht? Schöner Rock?

Die grosse Überraschung

Eigentlich hätte Rosa Morgenegg letztes Jahr aufhören können. Doch sie liess sich überreden, bis diesen Frühling weiterzumachen. «Ich kann schlecht Nein sagen», sagt sie. Gerne erinnert sie sich an ihren letzten Arbeitstag Ende April, als das ganze Heim sie überraschte: Tanz, Helikopterflug, Blumenstrauss, Rosenbäumchen statt Nachtwache. Und die Bewohner waren auch dabei. Wertschätzung für 30 Jahre Arbeit. Auf dem Lehnstuhl stand: «Reserviert für Rösli.»

In ein Loch fällt Rosa Morgenegg nicht. Enkelkinder! Sie will die neue Freiheit für Reisen und die Kontaktpflege nutzen; etwas, das längere Zeit nicht möglich gewesen sei. Sie hat auch noch einen schweren Töff zu Hause. Vorderhand wolle sie keine fixen Verpflichtungen eingehen. Am Fest heute im AZO Oberkulm arbeitet sie selbstverständlich mit. Und dass sie ausnahmsweise wieder mal eine Nachtwache übernimmt, schliesst sie nicht aus. Ja, mit dem Neinsagen ist das so eine Sache.

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