Rekordtag im Rekordjahrzent

Hagelkörner: Am 23. Juli fielen noch grössere – so wie Hühnereier – vom Himmel und sorgten für Rekordschäden.  (Oliver Menge)

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Hagelkörner: Am 23. Juli fielen noch grössere – so wie Hühnereier – vom Himmel und sorgten für Rekordschäden. (Oliver Menge)

Der Hagel von Ende Juli beschäftigt die Berner Gebäudeversicherung. Weil die Schäden immer grösser werden, könnte es auch eine Prämienerhöhung geben.

Johannes Reichen

In vielen Teilen des Kantons Bern sind derzeit Experten der Gebäudeversicherung Bern (GVB) unterwegs und schätzen die Schäden, die am 23. Juli durch heftigen Hagel verursacht worden sind. Die erste Schätzung der GVB ging allerdings etwas daneben. Kurz nach dem Unwetter rechnete die Versicherung mit einer Schadensumme von 30 Millionen Franken an 8000 Schäden. Nun aber ist klar, wie hoch das Ausmass tatsächlich ist: 60 Millionen Franken Schäden an insgesamt 15 000 Gebäuden. Es war das grösste Hagelereignis in der Geschichte der GVB - und dauerte eine halbe Stunde.

Bis jetzt stand die GVB mit 60 Prozent der Geschädigten in Kontakt. «Das wird uns sicher noch zwei Wochen stark beschäftigen», sagt GVB-Sprecherin Rahel Rohrer. «Der Hagelzug war viel breiter als sonst.» Nur gerade das Oberland, das Seeland und der Berner Jura blieben verschont. Zum Vergleich: Hagel sorgte am 8. August im Raum Langnau an 100 Gebäuden für Schäden in der Höhe von einer Million Franken. Und am 26. Mai gab es vor allem in Sumiswald, Worb und Vechigen Hagelschäden von 6,8 Millionen Franken an 2056 Gebäuden.

Immer mehr und höhere Schäden

Die GVB steht mitten in einem schlechten Jahr; schon in der ersten Hälfte entstanden Schäden von rund 100 Million Franken. Noch gravierender allerdings ist, dass auch das zu Ende gehende Jahrzehnt Negativrekorde liefert. Wie eine Statistik der GVB zeigt, betrugen die Elementarschäden in den 70-er Jahren insgesamt 201 Millionen Franken (siehe Tabelle). Im Jahrzehnt darauf erhöhte sich die Schadensumme um 90 Prozent. Seither gibt es jeweils Zunahmen von jeweils rund 50 Prozent.

Auch für dieses Jahrzehnt rechnet die GVB mit einem Sprung dieser Grössenordnung, sind doch bis jetzt bereits Elemenarschäden von 850 Millionen Franken entstanden. Und noch bleiben fast anderhalb Jahre.

Rekorde wegen Klima und Bauweise

Die Gründe für diesen stetigen Anstieg sind vielfältig. «Wir gehen davon aus, dass der Klimawandel eine Rolle spielt», sagt Rohrer. Auch werde im Kanton immer dichter gebaut. In der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts sei nicht «sensitiv» gebaut worden, sagt Rohrer, so dass heute Häuser an ungeeignenten Orten stehen. Zudem sorgen immer teurere Baumaterialien für höhere Schäden. Die Keller bestünden heute nicht mehr nur aus Lehmböden, sondern seien zusätzlicher Lebensraum und demensprechend gut gebaut. «Gerade bei Hochwasser kommen so viel grössere Schäden zusammen.»

Aber auch die Topografie mit den grossen Höhenunterschieden macht den Kanton Bern anfällig für Schäden durch Wind und Wetter. Ueli Winzenried, Vorsitzender der GVB-Geschäftsleitung, sieht im Kanton Bern eine deutlich höhere Überschwemmungsgefahr als in anderen Gebieten. Im Jungfraugebiet gebe es zudem die europaweit grössen Niederschlagsmengen, so die GVB.

Prämienerhöhung möglich

Die stetige Zunahme der Elementarschäden führt auch dazu, dass in der GVB über eine Erhöhung der Prämien nachgedacht wird. «Das ist eine Option», sagt Rohrer, äusserte sie sich aber nicht näher dazu. Zuerst wolle die GVB die Revision des kantonalen Gebäudeversicherungsgesetzes abwarten. Die Vernehmlassung ging vor kurzem zu Ende. Der Regierungsrat will unter anderem den Selbstbehalt ausdehnen, das GVB-Monopol soll aber weiter bestehen bleiben. Gemäss Entwurf braucht es für die Festsetzung der Versicherungsprämien durch die GVB - anders als bisher - nicht mehr die Zustimmung des Regierungsrats.

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