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Rega - Die rote Familie

Mit dem Osterwochenende geht für die Rega ein harter Winter zu Ende – ein Besuch auf der Basis Erstfeld.

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Die rote Familie

Die rote Familie

Benno Tuchschmid

Es hat etwas Heroisches, wie der rote Helikopter elegant den Landeplatz anfliegt, wie der Pilot die Maschine sanft aufsetzen lässt, wie die drei Männer in roten Kombis, mit weissen Helmen und dunklen Sonnenbrillen aussteigen. Fehlt nur noch die pompöse Filmmusik. «Hoi, i bi de Hausi», sagt Hans «Hausi» Stocker und durchbricht abrupt die hollywoodreife Szene mit seinem Bündner Dialekt. Neben ihm zieht Pilot Andy Bauer seine Pilotenbrille ab und Rettungsarzt Christian Quadri packt den Rettungsrucksack zusammen. Der Einsatz ist zu Ende. Das Team der Rega-Basis Erstfeld ist aus Buochs NW zurückgekehrt. Ein Bauarbeiter war fünf Meter in die Tiefe gestürzt. Arzt Christian Quadri stellte fest: Der Bauarbeiter ist nicht schwer verletzt. Äusserlich. Er entschied: Der Bauarbeiter wird mit dem Krankenwagen in das nächste Regionalspital gebracht.

Eine Viertelstunde nach dem Einsatz sitzt Quadri im Büroraum der Rega-Basis über einem dicken Medizinbuch. «Ich zweifle eigentlich nicht an meiner Entscheidung. Aber ich muss mich trotzdem nach jedem Einsatz hinterfragen», sagt der Tessiner. Was, wenn der Bauarbeiter unsichtbare innere Verletzungen hatte? Was, wenn sich sein Zustand im Krankenwagen plötzlich verschlechtert? Was, wenn Quadri falschlag? Christian Quadri arbeitet seit zwei Monaten bei der Rega. «Du hast richtig entschieden», sagt Hausi Stocker. Andy Bauer pflichtet ihm bei. Die beiden sind schon 30 Jahre dabei, haben schon alles gesehen. Die drei beginnen zu reden und reden und reden, über ähnliche Einsätze, über Eindrücke und Vorgehensweisen. Die Stimmung löst sich. Offiziell heisst das «Debriefing», hier in der Rega-Basis Erstfeld klingt es eher wie die Sitzung eines Familienrates.

Die Basis Erstfeld ist eigentlich ein Hangar mit integriertem Einfamilienhaus. Küche und Stube sind eingerichtet wie eine typische Schweizer Wohnung: Polstergruppe, Vitrinenschrank, Kaffeemaschine. Andy Bauer hat seinen roten Overall ausgezogen, sitzt in der Küche und trinkt Kaffee. Er fliegt schon seit vier Jahrzehnten Helikopter, am Anfang kommerziell, wie es bei den Heli-Piloten heisst – Versorgungsflüge für Alpenhütten, Betonieren von Gebirgsbaustellen, Holzen in den Bergen. «Da lernt man fliegen», sagt Bauer lächelnd. Seit Anfang der 80er-Jahre ist er bei der Rega. Seit 30 Jahren fliegt er von Unfall zu Unfall, von Tragödie zu Tragödie. «Emotionen sind schlecht in diesem Beruf – ich muss immer ruhig bleiben.» Bauer spricht von einer Mauer, die er um sich aufgebaut habe, «aber es gab in diesen Jahren Situationen, in denen sie eingebrochen ist». Schwere Kindsmisshandlungen, bei denen der Vater gleichzeitig Täter und noch vor Ort ist. Unfälle, bei denen sich herausstellt, dass der Tote ein Kollege ist. Da halten die stärksten Mauern nicht. In solchen Situationen brauche es Menschen, mit denen man reden könne, «zu viel darfst du nicht nach Hause schleppen, das schadet der Beziehung». Also werden Arbeitskollegen zu den wichtigsten Bezugspersonen. Das Team wird zur Familie. Doch Bauer sagt: «Rega-Pilot ist immer noch mein Traumjob. Nachts unter klarem Himmel über die Alpen fliegen, wo kannst du das schon?»

Im grossen Hangar der Basis steht Hausi Stocker auf einem Gerüst und kontrolliert die Innereien des Rega-Helikopters. Kennzeichen HB-ZRW. Stocker nennt sich selbst «Mechanitäter». Während des Fluges ist er der Assistent des Piloten, auf der Unfallstelle Rettungssanitäter und in der Basis Heli-Mechaniker. «Das sind verwandte Themen», sagt er lachend. «Die Mechanik hat sich viel von der Medizin abgeschaut: Die Hydraulik ist das Herz, die Kabel sind die Venen und Arterien.» Stocker sucht alles nach Rissen und Abnützungen ab. Und das jeden Tag, eine Stunde lang. «Das ist gut so, denn so richtig wohl fühle ich mich erst, wenn ich den Heli in- und auswendig kenne», sagt Stocker. Die Agusta ist frisch ab Fabrik, wurde erst im letzten Dezember an die Basis Erstfeld ausgeliefert, Stocker ist noch in der Kennenlernphase. Er hat in seiner Karriere schon einige Helis kennen gelernt. Der «Mechanitäter» ist der dienstälteste Angestellte auf der Basis. «Es ist die Regel, dass man lange bei der Rega bleibt», sagt Stocker. Freiwillig gehe hier fast niemand weg. «Es stimmt schon, wir sind eine Familie.»

Christian Quadri sitzt im Büroraum der Basis und blättert noch immer im dicken Medizinwälzer. «Wenn ich nach einem Alarm im Heli sitze, bin ich schon sehr angespannt», sagt er. Verständlich, der Arzt hat nur wenige Informationen, bevor er an die Unfallstelle kommt, er weiss nur ungefähr, was ihn erwartet. Wie auch beim Bauarbeiter in Buochs. Quadri nimmt den Telefonhörer in die Hand und wählt eine Nummer. «Grüezi, hier ist Christian Quadri von der Rega Erstfeld. Ich wollte fragen, wie die Diagnose beim Bauarbeiter von Buochs lautet?» Quadri hält inne. Plötzlich hellt sich seine Miene auf. «Danke, Merci. Auf Wiederhören», sagt er ins Telefon und hängt den Hörer auf. «Es war genau so, wie ich es diagnostizierte. Nichts Schlimmes, meine Entscheide waren genau richtig», sagt er und strahlt über das ganze Gesicht. Dann steht er auf und verlässt das Büro. Er muss die Neuigkeiten den anderen «Familienmitgliedern» mitteilen.

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