Kanton Solothurn

Recht vor Gewissen

Weil sie ihrem Gewissen folgte, verhinderte eine 48-jährige IV-Rentnerin die Überstellung von drei Mädchen an die Pflegefamilie – und brach damit das Gesetz.

Von Samuel Misteli

Das Ende war absehbar: «Nach dem Aktenstudium habe ich das Gefühl, dass der Tatbestand erfüllt ist», beschied Amtsgerichtspräsident Frank-Urs Müller der angeklagten Johanna F.* einleitend. Der nicht ausgesprochene aber doch deutliche Rat: F. solle doch die Einsprache gegen die 600 Franken Busse, welche ihr die Staatsanwaltschaft wegen «Ungehorsams gegen amtliche Verfügungen» auferlegt hatte, zurückziehen.

Die Beschwerdeführerin hatte den Wink mit dem Zaunpfahl sehr wohl verstanden. Indes dachte sie nicht daran, ihm Folge zu leisten. Sie war vor dem Amtsgericht Solothurn-Lebern erschienen zu erklären, wieso sie dieser amtlichen Verfügung den Gehorsam verweigert hatte. Weil sie ihrem Gewissen gefolgt war nämlich, nicht dem Gesetzesparagrafen. Deshalb sagt F.: «Ich fühle mich nicht schuldig.»

Was sie getan hat, ist unbestritten: Johanna F. hat sich geweigert, drei Mädchen, die sich bei ihr aufhielten, innerhalb der von der aargauischen Vormundschaftsbehörde gesetzten Frist bei der vorgesehenen Pflegefamilie abzuliefern.

Mutter tot, Vater Alkoholiker

«Man sollte die Vorgeschichte der Kinder kennen», sagte F. Diese zu erzählen fühlt sich die 48-jährige Hausfrau und IV-Bezügerin berufen. Weil sie die Mädchen seit ihrer Geburt kenne, weil sie die beste Freundin der Mutter gewesen sei und weil sie sich den Kindern emotional ebenso so sehr verbunden fühle wie diese sich ihr.

Als Johanna F. die drei 14-, elf- und fünfjährigen Mädchen im Oktober des vergangenen Jahres zu sich holte, hatten diese bereits einiges durchgemacht: Der Vater Alkoholiker, die Mutter krebskrank und im vergangenen Juli gestorben. Daraufhin übergangsweise bei einer Pflegefamilie platziert, der Pflegevater während dieser Zeit ebenfalls gestorben, ebenfalls an Krebs. Im Oktober sollen die Kinder nach Zofingen zur definitiven Pflegefamilie ziehen, sie wollen nicht, reissen aus, rufen Johanna F. an. Barfuss und im Pyjama, sagt diese, habe sie die Kinder vorgefunden.

Der per Expresspost zugestellten Verfügung der Vormundschaftsbehörde, die Mädchen nach Zofingen zu bringen, leistete F. nicht Folge. Ihre Erklärung: Sie habe es schlicht nicht fertiggebracht, die traumatisierten Kinder gegen ihren Willen dorthin zu bringen. «Das Wichtigste ist für mich, dass es diesen Kindern gut geht», sagt F.

Momentan kann sie einigermassen beruhigt sein: Die drei Mädchen sind mittlerweile bei einer Bauernfamilie untergebracht, wo es ihnen nicht allzu schlecht zu gehen scheint.

Gericht halbierte die Busse

Wäre sie erfunden, wäre die tragische Biographie der drei Kinder fast schon kitschig. Richter Müller freilich behielt kühlen Kopf: Als «klar erfüllt» beurteilte er den Tatbestand weiterhin und verurteilte Johanna F. zu einer Busse von 300 Franken. Die Geschichte der Kinder, so Müller, sei nur am Rande von Belang. Gänzlich unempfänglich für die Schilderungen seines Gegenübers war der Richter aber doch nicht. Er habe die von der Staatsanwaltschaft geforderte Busse halbiert, so Müller, «weil Sie zwar nicht aus rechtlicher, aber aus Ihrer Sicht einen Rechtfertigungsgrund hatten.»

* Name von Redaktion geändert

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