«Rauchen gehört einfach zu mir – ich geniesse jeden einzelnen Zug»

Rauchen ist out. Rauchen ist verpönt. Rauchen ist ungesund. Rauchen kann aber auch Lebensfreude, Autonomie und Tagesstruktur bedeuten – gerade bei älteren Menschen. In Aargauer Altersheimen versucht man – nebst dem Passivraucherschutz – auch diesem Bedürfnis gerecht zu werden.

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Schweiz am Sonntag

von Fränzi Zulauf

«Ich rauche, seit ich alt genug dafür bin und es mir mein Vater nicht mehr verbieten konnte», sagt Irma Brem. Sie ist 88 Jahre alt, raucht also schon seit bald 70 Jahren. Und immer noch mit Hochgenuss. Irma Brem lebt im Altersheim Bifang in Wohlen. «Es wäre schlimm, wenn hier das Rauchen verboten würde», erklärt sie. «Rauchen gehört zu mir und ich geniesse jeden einzelnen Zug.» Zwei, drei Zigaretten sind es nur pro Tag, doch die bedeuten ihr viel. «Früher waren es schon etwas mehr», gesteht sie. «Aber heute rauche ich einfach gerne eine Zigarette nach dem Essen. Das ist mir lieber als jedes Dessert.»

Passivraucherschutz im neuen Gesundheitsgesetz

Ab 2010 gilt im Aargau eine Übergangsregelung zum Schutz vor dem Passivrauchen. Diese sieht vor: «In geschlossenen Räumen, die der Öffentlichkeit zugänglich sind, in Gebäuden der öffentlichen Verwaltung, in Spitälern, Heimen, Vereinslokalen, Kultur- und Sportstätten, Schulen und Bildungsstätten sowie in der Gastronomie ist das Rauchen verboten. Getrennte und entsprechend gekennzeichnete Räume mit ausreichender Belüftung können für Rauchende vorgesehen werden.» Alle Heime, die auf der kantonalen Pflegeheimliste stehen, müssen sich an diese Verordnung halten. Rauchen im Freien, in Fumoirs oder in den eigenen Zimmern ist also auch von Gesetzes wegen in den Alters- und Pflegeheimen erlaubt. (zi)

Das Gleiche gilt für die 78-jährige Monika Richner, die erst vor wenigen Wochen in den Wohler Bifang gezogen ist. «Meine drei Zigaretten pro Tag sind für mich ein richtiger Genuss. Sie geben mir ein Stück Lebensqualität und Lebensfreude.» Monika Richners Arzt ist offenbar ebenfalls dieser Meinung. «Er hat gesagt, ich dürfe ruhig rauchen; aufhören wäre fast schädlicher für mich.» Während Irma Brem bisweilen ihre gut belüftete Toilette als «Raucherraum» benutzt, raucht Monika Richner ausschliesslich im Freien. Beide Frauen wollen indessen ihr eigenes Zimmer rauchfrei halten. «Ich finde es richtig, dass man im Altersheim rauchen darf», sagt Monika Richner. «Aber man muss sich an die Spielregeln halten und Rücksicht nehmen auf jene, die der Rauch stören könnte.»

Die Cafeteria im Wohler Alters- und Pflegeheim Bifang ist rauchfrei sowie die anderen allgemein zugänglichen Räume. «Die Bewohnerinnen und Bewohner dürfen draussen, aber auch in der provisorisch eingerichteten Raucherecke und in ihren eigenen Zimmern rauchen», sagt Verwalter Robert Werder. «Je nach Gesundheitszustand rauchen die Bewohner in ihren Zimmern selbstständig oder im Beisein von Mitarbeitenden. Wir ermöglichen allen, die dies wünschen, zu rauchen. Dabei müssen wir aber die grösstmögliche Sicherheit gewährleisten. Bei einem Raucher gehen wir so weit, dass wir sein Bettzeug nach jeder Wäsche so präparieren, dass es unbrennbar wird. Im Zuge der Umbauarbeiten wird auch ein gut abgetrennter, belüfteter Raucherraum eingerichtet.» Lohnt sich dieser ganze Aufwand? «Ja», sagt Robert Werder, «für Menschen, die bis ins hohe Alter rauchen, bedeutet das Lebensqualität. Es geht um Genuss, aber auch um Selbstbestimmung und Tagesstruktur.»

«Wenn jemand während Jahrzehnten geraucht hat, kann man das beim Eintritt ins Altersheim nicht einfach abstellen», ist auch Ursula Hagmann, Mitglied des Leitungsteams des Alterswohnheims St. Martin in Muri, überzeugt. «In den Zimmern ist es erlaubt zu rauchen. Wir sorgen dafür, dass Raucher möglichst ein Zimmer mit Balkon bekommen.» In allen anderen Räumen des St. Martin ist rauchen verboten. Die frühere Raucherecke im Aufenthaltsraum wurde aufgehoben. «Wir können und wollen niemandem verbieten zu rauchen», erklärt Ursula Hagmann. «Das liegt, wie etwa der Konsum von Alkohol, in der Eigenverantwortung der Bewohnerinnen und Bewohner. Aber wir bestimmen, wo geraucht werden darf.»

Nichtraucher sollen vor dem Passivrauchen geschützt werden: Diese Haltung ist quer durch die Aargauer Alters- und Pflegeheimlandschaft feststellbar. Die internen Regelungen können sich unterscheiden, ein Plätzchen für Raucher gibt es aber immer. Im Pflegeheim Sennhof in Vordemwald etwa ist das Rauchen in den Zimmern untersagt - dafür steht ein neues Fumoir bereit.

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