Rasierklingen-Prozess vertagt

Der Fall des 28-jährigen Asylbewerbers wurde unterbrochen: Das Gericht hat weitere Beweisabklärungen in Auftrag gegeben.

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Patrick Rudin

Strafprozesse sind gelegentlich kompliziert, auch dann, wenn eigentlich lediglich zwei betrunkene Menschen und eine Rasierklinge zu blutigen Verletzungen geführt haben (bz vom Donnerstag). Die Staatsanwaltschaft ging davon aus, dass der 28-jährige Asylbewerber seinen Zimmerkumpel nach einem gemeinsamen Saufgelage mit einer Rasierklinge am Hals verletzt hatte und klagte ihn deswegen wegen versuchter vorsätzlicher Tötung an.

Doch schon am ersten Prozesstag zeigte sich der Angeklagte aus Syrien etwas irritiert darüber, dass der Dolmetscher mit ihm auf Hocharabisch sprach. Später zeigte sich der Hauptbelastungszeuge über seine Aussagen aus der Voruntersuchung irritiert - man habe ihn falsch verstanden. Wie der Angeklagte ist auch er Kurde, aber er stammt aus dem Irak. «Das Statthalteramt Arlesheim wird nun eine erneute Zeugeneinvernahme durchführen», bestätigte Gerichtsschreiber Osman Ayçiçek. Dieses ist zuständig, weil sich das Drama mit der Rasierklinge in einem Asylbewerberheim in Münchenstein ereignet hatte.

Babylonisches Sprachgewirr

Aber nicht nur das babylonische Sprachgewirr hatte den Prozess verkompliziert, sondern auch rein technische Mängel in der Voruntersuchung. So wurden auf der sichergestellten Rasierklinge weder Fingerabdrücke noch DNA-Spuren sichergestellt, weil der Fall zu Beginn der Untersuchung relativ klar erschien und im Verlaufe des Dramas auch weitere Personen die Klinge berührt hatten. Auch zwei während der Tat herumliegende Rucksäcke gaben dem Gericht Rätsel auf.

«Wegen all dieser Mängel in der Beweisführung hat das Gericht den Prozess vorläufig ausgestellt», so Osman Ayçiçek. Weil die Hauptverhandlung technisch gesehen aber lediglich unterbrochen ist, muss das Gericht bei einer Fortsetzung in derselben Zusammensetzung wie bisher tagen, zusammen mit der regulären Raumnot im Strafgericht ist daher der weitere Prozess vermutlich nicht vor dem Oktober möglich. Der Angeklagte hatte stets bestritten, seinem Kumpel die Schnitte an dessen Hals angebracht zu haben.

Der Mann war seit seiner Festnahme im März 2008 in der geschlossenen Sicherheitsabteilung der Forensischen Klinik Rheinau im Kanton Zürich untergebracht, seit wenigen Wochen lebt er in einer regulären Strafvollzugsanstalt, schluckt aber jeden Tag einen beachtlichen Cocktail an Medikamenten.

Sich verletzt, um bleiben zu können

Vor dem blutigen Saufgelage mit seinem Kumpel hatte er sich mehrfach selbst verletzt und jeweils angedeutet, so könne er wohl länger in der Schweiz bleiben. Sein Asylgesuch ist seit Januar 2007 hängig. Der aus Syrien stammende Kurde hatte dort kurdische Zeitungen verteilt, war nach eigenen Angaben deshalb mehrfach in Polizeigewahrsam und hatte ausgesagt, er sei dort gefoltert worden.