Ramona

Rätselraten um den Verbleib von Ramona

Familie gesucht

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Erwachsene haben Ramona G. bisher nur enttäuscht - also enttäuscht sie jetzt auch die Erwachsenen. Vor zehn Tagen ist die 16jährige aus Königsfelden abgehauen. Dort ist man voll des Rätsels: Warum verschwand Ramona G.? Denn im Sommer hätte sie ein normales Leben beginnen können.

Claudia Landolt

Über Abwesende zu schreiben ist erstens unbefriedigend und zweitens selten fair. Doch in diesem Fall bleibt keine andere Wahl: Ramona G. ist wie vom Erdboden verschluckt. Seit die Polzei bekanntgab, dass man sie via Handy geortet hatte, schaltete sie ihr Mobile aus. Seither herrscht Funkstille. Jegliche Versuche, sie im Netz zu kontaktieren, sind fehlgeschlagen. Ehemalige Kollegen bringen ihre Sorge um sie unter anderem via Facebook zum Ausdruck.

In Königsfelden versteht man die Welt nicht mehr. Niemand kann sich erklären, warum Ramona G. abgehauen ist. Es soll keine Anzeichen für eine Flucht gegeben haben. Im Gegenteil: Die Weichen waren gestellt, auf dass Ramona im Sommer, nach Beendigung ihrer Schulzeit, eine Ausbildung hätte beginnen und in einer betreuten Wohngemeinschaft leben können.

Bevor sie nach Königsfelden kam, lebte das hübsche, mal blonde, mal brünette Mädchen im Appenzellischen. Dort besuchte sie eine normale Sekundarschule. Sie sei gut integriert gewesen und nicht auffälliger als andere Jugendliche in dem Alter, sagte ihr ehemaliger Lehrer.

Unklar, weshalb sie deshalb nach Königsfelden transferiert wurde. Nur weil ihr Vormund aus dem Kanton Aargau stammt? Oder hiess es einfach irgendwann: «Jetzt ist das Mass voll, Ramona?».

Ramona G. ist sechzehn Jahre alt. Sie gehört zu jenen Jugendlichen, an denen das System der Jugendhilfe und öffentlichen Erziehung zu scheitern droht. Fast scheint es, als ob sie sich irgendwann entschieden hat, alles zu tun, um für Erwachsene nicht mehr erreichbar zu sein. Als kleines Kind wurde sie, wie sie in einem ihrer selbst verfassten Rapsongs schreibt, in ihren grundfesten erschüttert. Sie hat ein Zuhause, das keines ist. Mutter und Vater Alkoholiker, Prügeleien, Übergriffe, Drogen. Sex. Ein Leben auf der Strasse.

Vormunde kamen, Vormunde gingen. Einweisungen und Tehrapien, Ramona aber lief immer wieder weg. Die sogenannten sozialen Auffälligkeiten häuften sich, und damit auch die Begegnungen mit immer mehr Erwachsenen in Gestalt von Sozialarbeitern, Lehrern, Heimleitern, Psychoogen, Polizisten und anderen Experten, die auftraten, in der Absicht, ihr zu helfen, sie zu fördern, sie zu schützen, sie zu ermahnen. Gewiss, manchmal waren auch nette dabei. Doch mit den Netten war es so eine Sache: Gerade von denen hatte sie mehr erwartet, als sie ihm tatsächlich bieten konnten (oder wollten).

Bleibt zu hoffen, dass dies nicht das letzte Kapitel in Ramonas Leben ist. Eine ehemalige Freundin sagt, sie suche angeblich nach einer «Tabea». Wo? Im Irgendwo. Auf der freien Wildbahn. Doch in dieser Auseinandersetzung sind Kinder bekanntlich immer die Schwächeren.

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