Rätselhaftes Sterben der Eschen

Blätter weg: Diese junge Esche im Badener Wald ist schon fast kahl. (Alex Spichale)

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Blätter weg: Diese junge Esche im Badener Wald ist schon fast kahl. (Alex Spichale)

Um die Fichtenschädlinge namens Borkenkäfer ist es ruhig geworden. Jetzt taucht in den Wäldern ein anderes Phänomen auf: das Triebsterben an den jungen und teilweise auch älteren Eschen. Die Ursache ist ein Pilz, Massnahmen zur Abwehr fehlen.

Hans Lüthi

«Das Eschensterben oder präziser Triebsterben an den Eschen kommt im ganzen Aargau unterschiedlich intensiv vor», sagt Erwin Städler. Der ETH-Forstingenieur ist auch Forstschutz-Beauftragter der Abteilung Wald. Im Aargau ist die Krankheit erstmals vor zwei Jahren aufgetreten, hat sich aber im Laufe dieses Jahres stark verschärft. Als möglichen Grund nennt Städler die Trockenheit im Frühjahr, denn 2007 war der heisseste April mit oftmals gegen 30 Grad. «Auch dieses Jahr war der April trocken und warm, seither sind viele Triebe von Eschen braun geworden und abgestorben», erklärt der beste Kenner im Kanton.

Befall durch einen Schimmelpilz

Die Eschenkrankheit ist in Europa seit den 90er-Jahren bekannt, hat sich aber mittlerweile auf dem Kontinent verbreitet. Als Verursacher der Krankheit ist der Pilz Chalara fraxinea nachgewiesen worden. Während die Eschen selber auf nasse Standorte den Bächen entlang und auf Feuchtgebiete angewiesen sind, ist der Pilz sehr widerstandsfähig. Die Hauptfruchtform des Chalara wurde letztes Jahr in Polen gefunden: «Es handelt sich um einen sehr kleinen Becherling mit einem Druchmesser von zirka 3 Millimetern, der im August/September auf den vorjährigen Blattspindeln der Esche in der Streu gebildet wird.» Das steht in einem Bericht der Eidgenössischen Forschungsanstalt Wald, Schnee und Landschaft (WSL) in Birmensdorf zur Chalara-Krankheit.

Ältere Bäume vorzeitig fällen

Bei den jungen Eschen und Monokulturen ist die Krankheit leichter erkennbar als bei den grösseren Exemplaren. Für den unterschiedlichen Befall in den Aargauer Wäldern gibt es keinerlei Erklärung. Bis zu 80 oder 90 Prozent verdorrte Jungeschen sind im Fricktaler Forstgebiet Thiersteinberg bis nach Sisseln entdeckt worden, wie die «Neue Fricktaler Zeitung» den zuständigen Förster Stefan Landolt zitiert. Bei der landesweiten Betrachtung kommt die WSL zum Schluss, ein Schwerpunkt der Krankheit befinde sich im Jura sowie in den Kantonen Aargau, Solothurn und Basel. Hier seien einige Jungbestände stark erkrankt. «Das kann zum Absterben der jungen Bäume führen, bei älteren Eschen stirbt die Krone teilweise ab», betont Erwin Städler. Wirtschaftlich kann das zum Totalausfall führen. Oder die Eschen sind nur noch als Brennholz verwertbar statt in der Möbelindustrie zu weit höheren Preisen.

Keine Mittel zur Bekämpfung

Interessant und für die Fachleute überraschend ist die Tatsache, dass es den Pilz seit 150 Jahren in Europa gibt. Darum stelle sich die Frage, weshalb er jetzt plötzlich die Esche in diesem Ausmass befallen könne. Mögliche Erklärungen: Der einheimische Pilz hat sich genetisch verändert und ist aggressiver geworden. Oder es handelt sich doch um einen eingewanderten Pilz, der sich selbst unter dem Mikroskop nicht vom einheimischen unterscheiden lässt. Denkbar sei auch, dass der Pilz wegen des Klimawandels häufiger auftrete oder die Krankheitsabwehr der durch Trockenheit gestressten Eschen nicht mehr funktioniere.

Beunruhigend ist laut WSL-Bericht die Tatsache, dass die Krankheit in Ländern mit unterschiedlichem Klima an alten und jungen Eschen oft tödlich verläuft. Wie es in den nächsten Jahren weitergeht, weiss jedoch niemand. Einziges Gegenmittel ist der Verzicht auf Monokulturen, chemische Mittel sind im Wald verboten.

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