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Putin sang mit «90-60-90-Agentin»

Wladimir Putin kümmert sich persönlich um seine zehn in den USA gescheiterten Spione. Er philosophierte und musizierte mit ihnen.

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Keystone

Christian Weisflog, Moskau

Wladimir Putin zeigte sich am Wochenende wieder einmal von seiner lockeren Seite. Bevor er am Samstag den ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch traf, besuchte er auf der Krim ein russisches Motorradfestival der orthodox-patriotischen «Nachtwölfe». Den Weg vom Flughafen dorthin legte er auf einem schnittigen Trike, einer dreirädrigen Maschine, zurück. Abends erzählte er Journalisten schliesslich freimütig von seinem Treffen mit den kürzlich aus den USA deportierten russischen Spionen.

Er habe mit den zehn aufgeflogenen Agenten «Gespräche über das Leben» geführt, sagte Putin. Zudem bestätigte er, dass er mit ihnen im Chor das sowjetische Lied «Womit beginnt die Heimat?» gesungen habe. Das Werk entstammt dem Film «Schild und Schwert», das die Geschichte eines sowjetischen Spions in den Reihen von Hitlers Schutzstaffel (SS) erzählt.

Mit Putin sang auch Anna Chapman, der Star des russischen Agentenskandals. Die attraktive Diplomatentochter hatte mit freizügigen Fotos auf ihrer Facebook-Seite die Fantasie der Medien und der Massen beflügelt. Während die «Agentin 90-60-90» in einem New Yorker Gefängnis sass, wuchs ihre Popularität auch in ihrer südrussischen Heimatstadt Wolgograd. Eine Radiostation rief ihre Hörer dazu auf, solidarische Liedertexte für Chapman zu schreiben. Politologen prophezeien der gescheiterten Spionin zurzeit gute Aussichten auf eine politische Karriere.

Wohnung und Rente für Spione

Doch wie ihre Zukunft nach der Rückkehr auch aussehen mag, auf Wladimir Putins Unterstützung können alle Schnüffler zählen. «Sie werden ein interessantes und glänzendes Leben führen», versprach der ehemalige KGB-Offizier. Laut Medienberichten soll jeder der Agenten vom Staat eine Wohnung und eine lebenslange Rente von 2000 Dollar pro Monat erhalten.

Kritische russische Zeitungen hatten die glücklosen Spione als Dilettanten verurteilt. Putin jedoch nimmt sie in Schutz. Die meisten von ihnen lebten in den USA als gewöhnliche Bürger unter falschen Namen. Als so genannte «Schläfer» sollten sie sich langsam Zugang zu einflussreichen Kreisen in der amerikanischen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft verschaffen. «Sie hatten ein schweres Schicksal», betont Putin.

Während vieler Jahre hätten sie ihre Identität selbst vor ihren nächsten Verwandten verbergen müssen. «Im Interesse des Vaterlands, ohne diplomatischen Schutz und unter täglicher Gefahr», fügte der Premierminister hinzu. Von Dilettantismus seitens des russischen Geheimdienstes will Putin nichts wissen. «Das ist das Resultat eines Verrats», zeigt sich der 57-Jährige überzeugt. Dann setzt er zu einer Drohung an: «Verräter enden immer schlecht - als Alkoholiker oder Drogenabhängige.» Er, Putin, kenne indessen alle Verräter beim Namen. Der Premierminister spielte dabei auch auf den unerwarteten Tod von Sergej Tretjakow an. Er lief 2000 zu den Amerikanern über. Anfang Juli starb er mit 53 Jahren in Florida, offenbar an einem Herzversagen. Es wird vermutet, dass es Tretjakow war, der den russischen Agentenring verraten hat.

Ehemaliger Agent in Duma

Nicht immer aber gehen russische Überläufer am eigenen Gewissen zugrunde. 2006 wurde der ehemalige KGB-Agent Alexander Litwinenko in London mit Polonium radioaktiv vergiftet. Die Spuren der britischen Ermittler führten zu Andrej Lugowoi, ebenfalls ein Ex-Geheimdienstler. Doch Moskau will ihn nicht ausliefern. Lugowoi sitzt heute für die national-populistische Skandalpartei von Wladimir Schirinowski im russischen Parlament. Und vielleicht wird auch Anna Chapman bald in der Duma singen - dann allerdings die russische Nationalhymne.

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