Psychiater muss vermehrt helfen

Im Gegensatz zu vielen anderen Kantonen gibt es in den beiden Basel noch keine Engpässe in der psychiatrischen Betreuung. Die Psychiatrie ist in beiden Basler Kantonen ist für steigende Zahl an Patienten gewappnet

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Psychiater muss vermehrt helfen

Psychiater muss vermehrt helfen

Keystone

Andrea MaŠek

Immer mehr Menschen in der Schweiz nehmen die Hilfe eines Psychiaters in Anspruch. Dies kann Alexander Zimmer, Chefarzt der Externen Psychiatrischen Dienste im Kanton Baselland, bestätigen: «Die Fallzahlen in allen Bereichen der Psychiatrie steigen stetig an.» Krankheitsbilder wie Depressionen, Angst- und Suchterkrankungen sowie Demenz verzeichnen eine Zunahme. Letztere ist laut Zimmer auf die demografische Entwicklung im Kanton zurückzuführen – und sie dürfte in den nächsten 20 Jahren noch zunehmen. Im Bereich Sucht sei nach wie vor die Alkoholabhängigkeit das grösste Problem.

«Akute Lebenskrisen»

Lienhard Maeck, stellvertretender ärztlicher Leiter des stationären Bereichs Allgemeine Psychiatrie an den UPK in Basel-Stadt, fügt an, dass Menschen in einer akuten Lebenskrise immer häufiger die Dienste der Psychiatrie in Anspruch nehmen. Früher sei das soziale Umfeld mitunter besser in der Lage gewesen, psychische Probleme abzufedern, die etwa durch Kränkungen am Arbeitsplatz oder in der Beziehung ausgelöst wurden.

Die Menschen sind heute aber nicht kränker als noch vor ein paar Jahren. «Die Zahl der Patientinnen und Patienten ist generell konstant hoch», sagt Zimmer. Gemäss Studien erleiden 25 Prozent aller Personen jedes Jahr eine behandlungsbedürftige Erkrankung. Zehn Prozent davon gehen zum Arzt und ein Teil davon landet dann in der Psychiatrie.

Zimmer meint, es habe eine Entstigmatisierung stattgefunden: Mehr Leute getrauten sich, Hilfe zu holen, wenn sie psychische Probleme hätten. Sie schämten sich nicht mehr dafür, und das sei doch wünschenswert: «Es ist gut, wenn die Hemmschwelle sinkt.» Maeck meint dazu, in der Stadt sei die Hemmschwelle wahrscheinlich kleiner. Er weist darauf hin, dass sich auch der diagnostische Blick geändert hat: «Gewisse Krankheitsbilder sind besser einzuordnen.» Er nennt als Beispiel die Hyperaktivität, die nun öfter diagnostiziert wird. Ein weiteres Beispiel sind Depressionen bei Männern, die sich etwa in erhöhter Reizbarkeit und in einer nach aussen gerichteten Vorwurfshaltung äussern können. «Das musste man erst erkennen.»

Die Externen Psychiatrischen Dienste und der Psychiatrische Dienst für Abhängigkeitserkrankungen Baselland zählen rund 5000 Fälle pro Jahr. «Wir haben einen hohen Anteil wirtschaftlich schwächerer Menschen mit eher tieferem Bildungsniveau in unserer Behandlung, also viele Arbeitslose, IV-Bezüger und Migranten», sagt
Zimmer. Letztere brauchten wegen Sprachproblemen häufig Dolmetscher. Die Kantonalen Psychiatrischen Dienste könnten diese zur Verfügung stellen. All diese Patienten sind auch in einer Wirtschaftskrise besonders betroffen. Daher hat die Fallzahl in den letzten zwei Jahren wohl nicht grosse Sprünge gemacht, wie es etwa Maeck erwartet hat.

Er berichtet aber, dass immer mehr mit dem Arbeitsplatz assoziierte Erkrankungen festgestellt werden. Wobei sich die Fachleute darüber streiten, ob ein Burnout eine Erkrankung ist oder nicht. Doch es sei für etwas gut, erklärt Alexander Zimmer: Männer, die bis anhin weniger als Frauen Hilfe suchten, täten dies nun vermehrt, sei es doch leichter gegenüber ihrem Umfeld vorzugeben, sie hätten ein Burnout.

Beide Basel in «komfortabler Lage»

Im Gegensatz zu anderen Kantonen, wo der Ansturm zu Engpässen führt, sehen sich die beiden Basel in einer komfortablen Lage. Maeck: «Unsere Versorgungssituation ist ganz gut, wobei die Auslastung allgemein hoch ist.» Auch in Basel müsse manchmal länger auf geeignete Therapieplätze gewartet werden. Zimmer lobt das Baselbieter Psychiatriekonzept mit seinen im 10-Jahre-Rhythmus erstellten Folgeplanungen. Die letzte habe im Jahr 2003 die Entwicklung richtig vorhergesehen.