Prognose des Bundes: Jeder Dritte oder Vierte erkrankt

Das BAG sieht frühere Vorhersagen bestätigt: Vor der Schweinegrippe scheint es definitiv kein Entrinnen mehr zu geben. Bei Economiesuisse rechnet man derweil mit einem wirtschaftlichen Schaden von unter einem Prozent.

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Schweinsgi

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Keystone

Fabian Renz

Impfen in Deutschland

Deutschland hat mit dem Impfen gegen die Schweinegrippe bereits Ende Oktober begonnen; in der Schweiz läuft die Impfkampagne hingegen erst Mitte Monat an. Manch ein Schweizer verliert nun offensichtlich die Geduld - und weicht zum Impfen nach Deutschland aus. Der am Universitätsspital Zürich tätigte Arzt Merlin Guggenheim etwa lässt seine Familie heute in Konstanz impfen. «Es war nicht einfach, einen Arzt zu finden.» Die Idee hatte eine Bekannte. Die Wartefrist betrug einige Tage, weil der Impfstoff derzeit nicht einfach zu kriegen sei. Dass die Schweiz trotz ersten Fällen noch nicht mit dem Impfen begonnen hat, ist für Guggenheim unverständlich. «Ein vernünftiger Impfschutz braucht Zeit», sagte er gegenüber «Radio 1». (gaf)

Eine «gewisse Genugtuung» verspüre er schon, sagt Patrick Mathys. Über Monate hinweg hatte er namens des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) vor einer Schweinegrippe-Pandemie gewaltigsten Ausmasses gewarnt. Als die Grippewelle im Spätsommer abzuflauen und die Schweiz zu verschonen schien, ergossen sich Hohn und Spott über die «Panikmacher» des BAG.

Und jetzt, da die Pandemie offenbar tatsächlich auf das Land zurollt, «zeigt sich, dass wir mit unseren Prognosen doch nicht ganz daneben lagen», so Mathys gegenüber dieser Zeitung. Mehr denn je glaubt er an eine baldige Bewahrheitung der düsteren Prophezeiung seines Amtes: dass in der kommenden Zeit nämlich jeder dritte oder jeder vierte Einwohner der Schweiz an der Schweinegrippe erkranken wird.

Sieben in der Intensivstation

Aktuell präsentiert sich die Faktenlage gemäss gestriger Medieninformation des BAG wie folgt: In der vergangenen Woche gab es in der Schweiz 295 bestätigte Fälle von Schweinegrippe - dreimal mehr als noch eine Woche zuvor. Derzeit grassiert die Krankheit vor allem in den Kantonen Genf und Tessin, doch dürften die Fallzahlen laut Mathys bald im ganzen Land rasant zunehmen. Ebenfalls in der letzten Woche mussten sechs Erkrankte ins Spital eingeliefert werden. Fünf weitere Hospitalisierungen kamen in der laufenden Woche hinzu. Bislang benötigten in der Schweiz insgesamt sieben Schweinegrippe-Patienten Intensivpflege, laut Mathys allesamt Erwachsene.

Hier ist das Virus

Ab heute schliesst die Sekundarschule Allschwil drei Klassen. Bei 7 von 20 erkrankten Schülerinnen und Schülern wurde das Virus festgestellt. Ähnlich in Zürich, wo zwischen dem 2. und 4. November in Witikon ein Kindergarten und eine 2. Primarschulklasse schliessen mussten, weil sich von rund 20 Verdachtsfällen vier bestätigt hatten. In drei weiteren Schulhäusern des Stadtteils Wiedikon sind Schweinegrippefälle aufgetaucht. Betroffen sind auch Kasernen: Auf dem Waffenplatz Chur zeigten letzte Woche die ersten Rekruten Grippesymptome, gestern waren 75 krankgemeldet. Das H1N1-Virus bestätigte sich in sechs Fällen, Experten gehen von mehr aus. Gestern bewahrheitete sich auch auf dem grössten Schweizer Waffenplatz in Thun ein Verdacht auf Schweinegrippe. Die 15 Zimmergenossen des Rekruten blieben allerdings verschont. Schon am Mittwoch war die Armee in Andermatt betroffen, wo fünf Rekruten der Veterinär-RS positiv aufs Virus getestet wurden. Ein Virus, das auch vor dicken Mauern keinen Halt macht: Ein Häftling eines Genfer Gefängnisses wurde ebenso infiziert. (mz)

«Welle nicht aufzuhalten»

Mathys' finsteres Fazit: «Egal, was Sie machen, Sie werden die Welle jetzt nicht mehr aufhalten. » Der Pandemie-Spezialist des BAG verwies auf Irland, wo sich die Krankheit derzeit explosionsartig ausbreite. Trotzdem hofft man beim BAG nach wie vor, dass zumindest die Risikogruppen (Betagte, Schwangere u. a.) noch rechtzeitig geimpft werden können. Ab Mitte Monat soll die Impfaktion anlaufen (vgl. Artikel «Kritik an Bürokratie» unten).

Rezession als «Vorteil»

Vor eine harte Bewährungsprobe wird die Pandemie das Krisenmanagement der Schweizer Unternehmen stellen. Fridolin Marty vom Wirtschaftsdachverband Economiesuisse glaubt aber, dass die Firmen - grosse wie kleine - gut auf Personalausfälle vorbereitet sind.

Die Ironie dabei: In gewisser Weise kommt die Pandemie für die Wirtschaft zum richtigen Zeitpunkt, nämlich in der Rezession. «Wenn bei schlechter Auftragslage Mitarbeiter krank sind, ist das für die Firmen weniger schlimm, da sie dann einfach Lagerbestände abbauen können», so Marty. Gemäss seinen Erwartungen wird die Schweinegrippe einen volkswirtschaftlichen Gesamtschaden von «klar unter einem Prozent des Bruttoinlandprodukts » anrichten.

Am empfindlichsten könnte Marty zufolge der Tourismus getroffen werden. Schmerzhaft wäre für die Hoteliers insbesondere, wenn der Höhepunkt der Pandemie in die Hochsaison der Weihnachts- und Neujahrszeit fallen würde. «Der Buchungsstand ist nämlich hervorragend », sagt Daniela Bär, Mediensprecherin der Marketing-Dachorganisation Schweiz Tourismus. Die Branche hofft daher gemäss Bär, dass die Schweiz das Schlimmste dann hinter sich haben wird. Oder anders ausgedrückt: Wenn die Pandemie schon kommen muss, dann bitte möglichst bald.