Liestal

Postautos lassen weiter essen

Dass BVB und BLT essende und trinkende Passagiere büssen wollen, stösst bei anderen Baselbieter Busunternehmen auf Ablehnung. Einen Sittenzerfall stellen aber auch sie fest.

Michael Nittnaus

«Das neue Bussen-System der BVB und BLT wird kaum die gewünschte Wirkung erzielen.» Dieser Meinung ist René Böhlen, Mitglied der Geschäftsleitung der Postauto Schweiz AG. «Wir zählen weiter auf den gesunden Menschenverstand anstatt auf Geldstrafen», zielt auch Vera Fankhauser, Assistentin der Geschäftsleitung der Autobus AG Liestal (AAGL), in dieselbe Richtung.

Damit ist klar: Der Fahrgast muss sich im Baselbiet künftig genau überlegen, in welchen Bus er mit einem Sandwich in der Hand einsteigt. Eine einheitliche Regelung wird es nicht geben.

In Postautos gibt es bezüglich Essen und Trinken kaum Restriktionen, bestätigt Böhlen. «Wir wollen dem Fahrgast dieselbe Freiheit zugestehen, die er auch im Auto oder im Zug geniesst.» Das bedeute selbstredend nicht, dass jedes Verhalten stumm toleriert werde; denn auch bei der Postauto AG habe man die zunehmende Rücksichtslosigkeit festgestellt.

Chauffeure keine Polizisten

Verbote bergen laut Böhlen aber zuviel Konfliktpotential. Schliesslich sei unklar, wer sie schlussendlich durchsetzen soll. Dem Buschauffeur könne man diese Last nicht aufbürden. «Unsere Fahrer sollen weder Polizisten noch Erzieher spielen.» Diese Auffassung teilt Fankhauser von der AAGL nicht. Auch in den Bussen des Liestaler Unternehmens gibt es zwar kein grundsätzliches Ess- und Trinkverbot. Doch werden Kebabs, Glacés und andere berüchtigte Schmutzquellen nicht gern gesehen. «Unsere Chauffeure sind berechtigt uneinsichtige Schmutzfinken des Busses zu verweisen», so Fankhauser.

Eine Busse gebe es dafür aber nicht. Für die neue Regelung der Basler Verkehrsbetriebe (BVB) und der Baselland Transport AG (BLT), die mit Bussen von 20 Franken gegen «alles was klebt, tropft, krümelt oder stark riecht» vorgeht, haben Fankhauser und Böhlen dennoch Verständnis: «Es ist sicher keine Willkür-Aktion, aber für unsere ländlich operierenden Buslinien ist die Schmutz-Problematik weit weniger ausgeprägt.»

AAGL erwägt Verschärfung

Als Grenzfall zwischen urbanem und ländlichem Raum hat die Autobus AG Liestal stärker mit Verdreckung zu kämpfen. Für Fankhauser ist demnach auch klar, dass man die Umsetzung bei BVB und BLT genau beobachten werde. «In zwei bis drei Monaten werden auch wir unsere Strategie überdenken und gegebenfalls anpassen.» Dass die Anpassung eher in Richtung Verschärfung denn Lockerung gehen wird, ist für Fankhauser absehbar.

Dass die Bussen-Regelung rechtlich noch auf wackeligen Beinen steht, ist für Böhlen derweil ein weiterer Grund, sie abzulehnen. «Im Bundesgesetz für Transport im Öffentlichen Verkehr steht nur, dass bestraft werden kann, wer das Fahrzeug absichtlich verunreinigt. Davon kann beim Essen ja wohl keine Rede sein.»

Die rechtliche Grundlage müsse erst gesichert sein, bevor man damit beginne, Bussen zu verteilen. Böhlen denkt nicht, dass die Praxis von BVB und BLT Schule machen wird. «Ich sehe keine Städte, die das übernehmen wollen.»

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1