Rütschelen
«Polenliebchen» – ein Kulturereignis

Auch die Dernière des Freilichtspiels «Polenliebchen» fand an einem herrlichen Sommerabend statt. Nach den schauspielerischen Glanzpunkten erhellte ein Feuerwerk den Nachthimmel über dem Flüehli. Nachstehend ein Resümee von Regisseurin Madlen Mathys und OK-Präsident Peter Kurth.

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Rütschelen

Rütschelen

az Langenthaler Tagblatt

Brigitte Meier

Entspannt sassen Madlen Mathys und Peter Kurth vor der allerletzten Aufführung auf der «Feierabendbank». Der OK-Präsident überreichte der Regisseurin ein Textblatt mit dem «Flüehli-Blues», den er eigens für alle Mitwirkenden des Freilichttheaters geschrieben hat. Spontan summte Madlen Mathys die eingängige Melodie und erinnerte sich daran, dass sie und Peter Kurth einmal als Gesangsduo aufgetreten sind. «Das war am Eidgenössischen Hornusserfest in Bleienbach. Ich habe dich mit dem Akkordeon begleitet», sagte Kurth lachend, der wie Mathys in Rütschelen die Schule besuchte.

Der Linksmähder startet im Januar

Kaum ist ein Engagement von Regisseurin Madlen Mathys beendet, folgt gleich das nächste: Am Samstag, 16. Januar, ist Premiere vom «Linksmähder vo Madiswil». Gemäss Hans Aebi, Präsident der Spielgemeinde, finden in diesen Tagen die ersten Stellproben statt. 32 Laienschauspieler beteiligen sich am Stück, das gemäss Vertrag mit dem Autor Heinrich Künzi (1914-1980) mindestens alle zehn Jahre aufgeführt werden muss. Sonst verliert Madiswil nämlich die Aufführungsrechte. Es sei nicht schwer gewesen, die Frauen zu mobilisieren, «bei den Männern war es etwas harziger», sagt Aebi. Aber schliesslich sei es ja eine Ehre, bei diesem Theater mitzuwirken. «Erfreulich ist, dass viele neue Gesichter mitmachen», sagt Aebi, «der Generationenwechsel findet statt». Die Schauspieler rekrutieren sich aus Mitgliedern der fünf Dorfvereine Männerchor, Linksmähderfrauenchor, Damenturnverein, Turnverein und Musikgesellschaft.
Die Aufführung wird mit zeitgemässen Filmeinspielungen ergänzt. Ein Filmteam wurde bereits engagiert. «Nicht zuletzt, um die Spieldauer von dreieinhalb auf zweidreiviertel Stunden zu reduzieren», so Aebi.
Reservationen könne noch keine vorgenommen werden. Der Ticketverkauf beginnt im November. (iba)

Das «Polenliebchen» sorgte in der gesamten Region für Gesprächsstoff. «Mir hat Thomas Ruckstuhl erzählt, dass im Warteraum seiner Arztpraxis in Lotzwil für einmal nicht die Krankengeschichten diskutiert wurden, sondern die Freilichtaufführung», sagt Kurth.

Die 15 ausverkauften Vorstellungen wurden von rund 5500 Zuschauern besucht.

Autor und Botschaftssekretär

Darunter befand sich auch der Autor des Stückes, Paul Steinmann. «Die Inszenierung hat ihn dermassen in den Bann gezogen, dass er zeitweise vergass, dass es sich nur um Theater handelt», weiss Madlen Mathys. Der Sekretär der polnischen Botschaft weilte ebenfalls unter den Besuchern. «Besonders beeindruckt zeigte er sich von den Dialogen und dem ergreifenden Lied in polnischer Sprache», erzählte Kurth. Für ihn war die Generalprobe, als behinderte Menschen aus verschiedenen

Institutionen eingeladen wurden, ein unvergessliches Erlebnis: «Eindrücklich, wie sie sich gefreut und mitgelitten haben». Die Realität der tragischen Ereignisse im Sommer berührte Publikum und Schauspielende gleichermassen.

Die Vorbereitung des Anlasses erforderte zwei Jahre. Peter Kurth ist stolz, dass es gelungen ist, gemeinsam mit der Dorfbevölkerung von Rütschelen ein solches Projekt zu realisieren. «Es ist wie ein Zahnrad, das ins andere greift. Neben der grossartigen Regiearbeit und Schauspielkunst sowie der einmaligen Naturkulisse trug auch die Gastronomie unter der Leitung von Daniel Käser und der Mithilfe des Frauenvereins Rütschelen massgebend zum Erfolg bei. Man darf sicher sagen: Diese Freilichtaufführung war das kulturelle Ereignis im Oberaargau». Trotz des Publikumserfolges stand nie der Kommerz im Vordergrund. Deshalb wurde bewusst auf Zusatzvorstellungen verzichtet.

Teamwork und Wetterglück

Einige Darsteller und Darstellerinnen mussten getröstet werden, weil es sich um die letzte Vorstellung handelte. Wie fühlte sich die Regisseurin selber? «Nicht wehmütig. Es ist eher ein gesundes Abschiednehmen. Ich bin stolz auf mein grossartiges Team. Diese Erfahrung stärkt meinen Rücken und gibt mir Kraft für meine nächsten Projekte».

Bereits angelaufen sind die Proben für den «Linksmähder» in Madiswil, der 2010 aufgeführt wird (siehe Kasten). Hier führt Mathys zum zweiten Mal Regie. Ein Jahr später ist mit den «Sechs Kummerbuben» das nächste Freilichttheater in Heimenhausen geplant.

Als Regisseurin muss sie sich oft mit unerwarteten Situationen auseinandersetzen. Beispielsweise, als ein wichtiger Darsteller krankheitshalber ausfiel und die Rolle umbesetzt werden musste. Madlen Mathys führt bildlich Regie und verfügt neben einer guten Beobachtungsgabe über viel Menschenkenntnis. Sie verfügt über eine natürliche Autorität und viel Einfühlungsvermögen: «Es gibt keine Nebenrollen. Alle sind gleich wichtig und müssen absolut bühnenpräsent sein. Doch Fachwissen allein genügt nicht. Die grosse Anerkennung der beiden bisherigen Freilichttheater - vermischt mit viel Herzblut - ermöglichte diesen erneuten Erfolg», erklärte die Regisseurin. Dazu gesellte sich Wetterglück. Ausser der Premiere musste keine Vorstellung verschoben werden.

Ferienpass und Gottesdienst

Sogar die Ferienpass-Kinder Rütschelen kamen in den Genuss des Theaterspielens: Während zweier Tage übten sie mit Madlen Mathys ein modernes Märchen ein. Die Kulissenlandschaft auf dem Flüehli hat alle fasziniert. Ein Gottesdienst mit Taufe fand ebenso statt wie eine Klassenzusammenkunft.

Nun sind die Abbrucharbeiten praktisch abgeschlossen: «Schade, dass wir alles abräumen müssen, bedauert Peter Kurth. «Mindestens die ‹Polenbar› hätte man stehen lassen
können.»

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