Affoltern

«Perfekte Eltern sind eine Katastrophe fürs Kind»

Bleibt genug Zeit für die Familie? Väter sind heute nicht mehr (nur) fürs Einkommen zuständig. (Keystone)

Teilzeitväter, Tagesfrage

Bleibt genug Zeit für die Familie? Väter sind heute nicht mehr (nur) fürs Einkommen zuständig. (Keystone)

Die Anforderungen an Väter sind in letzter Zeit gewachsen. Männer sind deshalb gefordert, ihr persönliches Vatersein neu zu erfinden. Diesen Prozess will Peter Meili, Psychotherapeut am Spital Affoltern und selber junger Vater, mit dem neuen Angebot Väterpalaver unterstützen.

Muss Mann der alleinige Ernährer der Familie sein? Wie lässt sich die Beziehung zum eigenen Nachwuchs erleben und gestalten? Das Väterpalaver versteht sich als eine Gesprächsform, in der sich Väter gegenseitig unterstützen und ermutigen. «Professionelle Väter gibt es nicht», betont Palaver-Leiter Peter Meili. Darum gehe es auch nicht darum, einen Fachvortrag zu halten, sondern in offenem Gespräch zu einer eigenen väterlichen Identität zu finden.


Gut genug statt perfekt


Die Vaterrolle hat sich in den vergangenen Jahrzehnten gesellschaftlich stark verändert. Auf das Patriarchat folgte mit der Industrialisierung eine weitgehend vaterlose Gesellschaft. Während der Mann fürs Einkommen sorgte, lag es an der Frau, Haushalt und Familie zu managen. Peter Meili spricht in diesem Zusammenhang von «Vater-Hülsen», die sich nur durch gewalttätige Autorität auszeichneten – keine Erfolg versprechende Entwicklungsgrundlage.
«Interessierte Väter hatten damals gar keinen Platz», bringt es Annina Hess-Cabalzar, Leiterin der Psychotherapie und der Mutter-Kind-Abteilung am Spital Affoltern, auf den Punkt. Mit der Emanzipation hat sich das dann aber grundlegend geändert. Die Frauen suchten plötzlich ein Gegenüber auf Eltern-Ebene, die starre Rollenverteilung hat sich aufgeweicht. Im Familienverbund entstand Raum für die Männer.
Das hat aber durchaus auch seine Schattenseiten: «Mann kann nicht Karriere machen, der beste Liebhaber und daneben womöglich noch ein perfekter Vater sein», betont Annina Hess-Cabalzar. «Gut genug statt perfekt», sollte deshalb die Devise lauten. Doch was ist gut genug? Genau das gilt es herauszufinden, damit Mann nicht in jedem Lebensfeld – sei es die Arbeit oder der Haushalt, der Kollegenkreis oder die Partnerschaft – ein schlechtes Gewissen hat.


Vaterliebe selber (er-)leben


Als Vater dürfe man durchaus Fehler machen, betont Peter Meili: «Perfekte Eltern sind eine Katastrophe fürs Kind.» Vermeintlich unfehlbare Eltern verunmöglichen es ihrem Nachwuchs nämlich, eigene Schwächen und Unvollkommenheiten zu akzeptieren.
Beim ersten Väterpalaver geht es am kommenden Freitag um Vaterliebe und wie man sie selber (er-)lebt. Spätere Themen sind unter anderem der Unterschied zwischen Mutter und Vater, die Beziehung zum eigenen Nachwuchs und die Auswirkungen des Elternseins auf die Partnerschaft. Während sich dieser erste Zyklus ausschliesslich an Männer richtet, so sei zu einem späteren Zeitpunkt ein weiterer Zyklus gemeinsam mit Müttern durchaus denkbar. Um das Angebot niederschwellig zu halten, haben Peter Meili und Annina Hess-Cabalzar bewusst auf Anmeldung und Teilnahmekosten verzichtet.
Väterpalaver unter der Leitung von Psychotherapeut Peter Meili jeweils am ersten Freitag im Monat von 16.30 bis 18 Uhr im Mehrzweckraum des Spitals Affoltern, Haus Rigi, Melchior-Hirzelweg 40.

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