Pandemie-Erreger sind schon Jahre vorher im Umlauf
Pandemie-Erreger sind schon Jahre vorher im Umlauf

Drei grosse pandemische Grippewellen töteten im 20. Jahrhundert Millionen Menschen. Nun haben Forscher die Evolution ihrer Viren geklärt.

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Keystone

Martin Amrein

Alles begann ganz harmlos: Am 21. April dieses Jahres berichteten die USGesundheitsbehörden von zwei Kindern in Südkalifornien, die sich mit einem neuen Influenza-Virus angesteckt hatten. Wenige Tage später erfuhr die Welt, dass dieses Virus vom Subtyp H1N1 eine tödliche Krankheit auslösen kann: die Schweinegrippe. Die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) damals befürchtete Pandemie ist in der Zwischenzeit Tatsache geworden.

Erst letzte Woche meldete das Bundesamt für Gesundheit, die Pandemie werde bis zum Herbst auch die Schweiz erreichen. Die Bedrohung ist nicht neu: Schon im letzten Jahrhundert zogen mörderische Pandemien rund um den Globus. Doch bis heute ist wenig über die Herkunft von pandemischen Krankheitserregern bekannt. Nun haben Forscher aus China und den USA herausgefunden, dass die drei gefährlichsten Virustypen des 20. Jahrhunderts nicht plötzlich auftauchten, sondern schon Jahre, bevor sie eine Pandemie auslösten, unter Menschen im Umlauf waren.

Die Ergebnisse veröffentlichen sie heute in der amerikanischen Fachzeitschrift «PNAS». Mit ihrer These widersprechen sie der gängigen Ansicht, dass die Viren in einem einzelnen Schritt von Vögeln auf den Menschen übergegangen sind. Untersucht haben sie die Viren der schrecklichsten drei Pandemien des letzten Jahrhunderts - das H1N1-Virus aus dem Jahr 1918, das H2N2-Virus von 1957 und das H3N2-Virus von 1968.

All diese Viren haben etwas gemeinsam: Sie durchlebten einen so genannten Antigenshift. Dabei hatten sich Stränge von tierischen Erregern in eimenschliches Virus eingeschleust. Die so entstandenen Subtypen besassen neue Kombinationen von Oberflächenproteinen, die sie besonders gefährlich machten. Die Wissenschafter um Gavin Smith von der University of Hongkong untersuchten alle noch vorhandenen Virusproben der drei grossen Pandemien auf ihre evolutionäre Entstehung.

Um jeweils den letzten gemeinsamen Vorfahren der einzelnen Virusvarianten zu datieren, nahmen sie die molekulare Uhr zu Hilfe. Dank dieser lässt sich der Zeitpunkt der Aufspaltung zweier Arten bestimmen: Je mehr unterschiedliche Mutationen im Genom der Proben erkennbar sind, desto weiter liegt die Trennung zurück. So erkannten die Forscher, dass die Gene des pandemischen Virus, der 1918 die Spanische Grippe auslöste, bereits 1911 unter Schweinen und Menschen im Umlauf waren. Das H1N1-Virus forderte damals über 25 Millionen Todesopfer - neuste Schätzungen gehen sogar von fast 50 Millionen Toten aus.

Weitere Analysen der genetischen Beschaffenheit der Viruskomponenten der Spanischen Grippe zeigten, dass dieser Erreger nicht direkt von Vögeln abstammte. «Viel eher entstand das Virus durch die Neukombination von Strängen, die bereits seit Jahren unter Säugetieren und Menschen zirkulierten, und Bestandteilen, die periodisch von Vogelviren dazukamen», schreiben die Autoren in ihrem Artikel. Und eine weitere Überraschung bringen sie ans Tageslicht: Bis anhin gingen Experten davon aus, dass die Erreger der heutigen saisonalen Grippe vom Virus der Spanischen Grippe abstammen.

Gemäss den neuen Untersuchungen zirkulierten 1918 aber gleich drei verschiedene H1N1-Virustypen: die tödliche Variante und zwei weniger gefährliche, die als Vorgänger der klassischen Grippe infrage kommen. «Dies erklärt auch», meinen die Wissenschafter, «weshalb während der Pandemie von 1918 nicht alle Grippeausbrüche gleich gravierend waren.» Etwas weniger drastisch als die Spanische Grippe waren auch die Pandemien, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wüteten: Die Asiatische Grippe von 1957 forderte 1 Million Todesopfer; 1968 starben an der Hongkong-Grippe 700 000 Menschen. Aber auch das für die Asiatische Grippe verantwortliche H2N2-Virus und das H3N2-Virus der Hongkong-Grippe waren bereits zwei bis sechs Jahre vor den Pandemien in Umlauf.

Andere Untersuchungen der Wissenschafter ergaben, dass bestimmte Oberflächenproteine der späteren Pandemieviren sich besonders früh verändert hatten: die so genannten Neuroamidasen. In Zukunft könnte diese Einsicht von Bedeutung sein. «Um die Gefahr von gefährlichen Grippeviren rechtzeitig zu erkennen, müssten die Behörden das Augenmerk auf jene Virusgene legen, die für die Neuroamidasen zuständig sind», empfehlen die Autoren. Denn die Schweinegrippe wird nicht die letzte Pandemie sein, die auf uns zukommt.

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