Grenchen
Pandadiplomatie einer Uhrenfirma

Vor zwei Jahren wog das Baby mit Namen Ruirui gerade einmal 129 Gramm. Geboren wurde es am 17. Mai 2007. Inzwischen ist die Pandadame zu einer Schönheit von fast sechzig Kilogramm herangewachsen und das Patenkind der Uhrenfirma Titoni.

Merken
Drucken
Teilen
Panda

Panda

Grenchner Tagblatt

Matthias Messmer

Manchmal mag sie es, in den Tag hinein zu träumen, manchmal liebt sie es, mit ihren Artgenossinnen zu spielen und ihnen - wenn auch etwas schwerfällig - hinterher zu jagen. Die meiste Zeit jedoch verbringt sie mit dem Verspeisen von Bambus, vor allem wenn sie von Ernährungsspezialisten keine anderen Köstlichkeiten wie Äpfel oder spezielle Biskuits zu essen bekommt. Ruirui ist eine Pandabärin, vor zwei Jahren von Bundesrätin Doris Leuthard anlässlich ihrer Reise nach China «adoptiert», seit einem Monat nun das Patenkind der Grenchner Uhrenfirma Titoni.

Ruirui lebt im «Chengdu Research Base for Giant Panda Breeding», einer der wenigen Orte in China, wo Besucher nicht nur Fakten zum Pandabär studieren, sondern den Alltag der Pandas auch ganz direkt miterleben können. Die Forschungsanstalt ist nur 30 Kilometer ausserhalb der Millionenstadt Chengdu gelegen. Sie widmet sich nebst der Zucht von Pandabären auch der Aufklärung der Bevölkerung in Fragen von Umwelt- und Tierartenschutz. Dabei wird ein grosses Gewicht auf den ökologischen Tourismus gelegt. Die Anlage wurde 1987 gegründet, mit damals nur gerade sechs
Pandabären.

Der Pandabär und die Diplomatie

In China gilt der Pandabär als nationales Kulturgut, das man seit der Antike auch als «diplomatisches Geschenk» an andere Länder verwendet: Bereits in der Tang-Dynastie (618-907) schenkte Kaiserin Wu Zetian dem japanischen Kaiser ein Pandabärenpaar. Mao Zedong liess diese Tradition aufleben, als er im Anschluss an Präsident Nixons Besuch im Reich der Mitte 1972 zwei Pandabären in die USA schickte.

Der «Bambusbär» ist eine stark bedrohte Tierart

Der Pandabär, in der älteren deutschen Literatur wegen seiner Essensvorliebe «Bambusbär» genannt, gehört zu den vom Aussterben bedrohten Säugetieren. Das Tier ist ausschliesslich im Reich der Mitte beheimatet, und zwar in den Provinzen Sichuan, Gansu und Shaanxi. China hat in einem jüngsten Bericht eine Zahl von 250 in Naturreservaten und Zuchtbasen lebende Pandabären genannt, weitere ungefähr 30 Artgenossen existieren in Zoos auf der ganzen Welt. Die Zahl in freier Wildnis lebender Pandabären wird auf 1600 Tiere geschätzt. Der Lebensraum der Pandas sind subtropische Berghänge mit dichter Bewaldung. Die Geburtsrate einer Pandabärin ist niedrig. Bei seiner Geburt ist das Bärenjunge rosarot, ohne Fell und blind. Da es sehr klein ist, ist es für eine Pandamutter schwierig, es «artgerecht» zu schützen. Im Falle einer Mehrlingsgeburt entscheidet sich die Mutter für ein einziges Jungtier, die anderen werden aufgegeben. Nach sechs Monaten ist das Pandababy fähig, kleinere Mengen von Bambussprossen zu essen. Ab einem Alter von eineinhalb Jahren werden Pandajunge selbständig. (mmg)

Seit Mitte der 1980er Jahre hat China begonnen, grosse Pandas an ausländische Zoos zu leihen, allerdings «nur» auf der Basis einer zehnjährigen-Leihfrist. Dabei hält der Standardvertrag neben der Leihsumme von 1 Mio. Dollar ebenfalls fest, dass jedes auf fremdem Territorium geborene Pandababy automatisch in das Besitztum der Volksrepublik China übergeht.

Im Jahre 2005 hatte die chinesische Regierung bereits mehr als fünfzig Reservate für Pandabären eingerichtet, mit einer Gesamtfläche von 10 400 Quadratkilometern. Darin leben rund 45 Prozent aller noch in der Wildnis existierenden Tiere dieser Art. Neben der ständig zunehmenden Einschränkung ihres Lebensraums stellt die Jagd, offiziell verboten, noch immer ein Problem dar: weich und warm ist das Fell, das noch in den 1980er Jahren als beliebtes Schmuckstück auf dem Schwarzmarkt in Hongkong und Japan feilgeboten wurde. In der «Panda Research Base» in Chengdu leben zur Zeit ungefähr 90 Pandabären. Seit Gründung der Station haben von der einzigartigen und gleichzeitig so reizvollen Säugetierart bisher mehr als 120 Pandababys das Licht der Welt erblickt. Die niedliche Ruirui war eines davon.

Eng mit China verbunden

Bundesrätin Doris Leuthard benannte das Pandababy anlässlich der «Adoption» vor zwei Jahren nach der chinesischen Bezeichnung für die Schweiz (Ruishi), und diesen Namen wollte der neue Adoptivvater Daniel Schluep, der CEO der traditionsreichen Grenchner Uhrenfirma Titoni, auf keinen Fall ändern. Ruirui ist und soll mit der Schweiz verbunden bleiben.

Nach Ablauf der «eidgenössischen» Adoptivfrist entschloss sich Schluep auf Anfrage des schweizerischen Botschafters in China kurzfristig, die Patenschaft weiterzuführen. Für Schluep sei es eine Selbstverständlichkeit, dass seine Firma einen Teil dessen, was sie durch ihre Geschäftstätigkeit einnimmt, an die Gesellschaft zurückgibt. «Die Titoni AG hat die Unterstützung von Institutionen im Bereich Umwelt, Erziehung, Bildung und Kultur seit je als wichtiges Element ihrer Unternehmenspolitik erachtet», sagte Daniel Schluep anlässlich der feierlichen «Übernahme» des Patenkindes Ruirui in Chengdu. Seine Uhrenfrma engagiere sich seit 50 Jahren im chinesischen Grossraum und erwirtschaftete dort jährlich jeweils zwischen 40 und 60 Prozent des Umsatzes. Die Adoption von Ruirui wurde für zwei Jahre vereinbart. «Wahrscheinlich werden wir sie danach nochmals für zwei Jahre übernehmen», erklärt Schluep.

Dass Ruirui ein weiteres Steinchen im Mosaik der ständig zunehmenden Freundschaft zwischen der Schweiz und China spielen wird, ist der jungen Dame nicht bewusst. Vielleicht merkt sie es nächstes Jahr, wenn die beiden Länder die Aufnahme der diplomatischen Beziehungen vor sechzig Jahren feiern werden - an einem saftigen Stück Apfel.