Orkan wurde eine Chance für die Natur

Auf den ersten Blick war der Orkan «Lothar» eine Katastrophe für die Wälder. Jetzt, zehn Jahre später, wird man gewahr, dass der Sturm Chancen für die Natur eröffnete. «Zehn Jahre danach» – eine DVD der Lenzburger Forstdienste Lenzia.

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Wald

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Aargauer Zeitung

Peter Schmid

Als sich Frank Haemmerli, Betriebsleiter der Forstdienste Lenzia, in der die Ortsbürgerwälder von Lenzburg, Niederlenz, Othmarsingen, Ammerswil und Staufen zusammengefasst sind, an jenem 26. Dezember 1999 auf einen ersten Rundgang machte, kam er nicht weit: Das chaotische Durcheinander von umgerissenen Bäumen verhinderte ein Durchkommen. Man sprach von einer Katastrophe. Eine DVD, produziert als schweizerische Premiere, zeigt, dass «Lothar» auch seine guten Seiten hatte. Es wurde offenbar, dass die Waldwirtschaft nachhaltig beeinflusst wurde, und die Artenvielfalt in den Wäldern zunahm. Seltene Pflanzen und Tiere fanden neuen oder zusätzlichen Lebensraum.

Der Sturm Lothar

Es war am Stephanstag des Jahres 1999, als sich über der Biskaya ein Sturmtief bildete, das sich auf seinem Weg nach Mitteleuropa zu einem gewaltigen Orkan entwickelte. Schlauchartig bahnten sich die Böen mit Geschwindigkeiten von über 200 km/h ihren Weg. Auf dem Üetliberg etwa wurden gar 250 km/h registriert. Das waren Windstärken, wie sie hierzulande noch nie gemessen worden waren. Betroffen waren vor allem Nordfrankreich, Mittel- und Süddeutschland sowie die Nordwestschweiz, darunter der südliche Aargau. Nach einer Stunde flaute der Orkan ab. Das Resultat war verheerend. In den Wäldern legte der Sturm ganze Schneisen gesunder Bäume um, Dächer wurden abgedeckt und Gärten in ein chaotisches Durcheinander verwandelt. Es blieb im Wald nicht allein bei den Orkanschäden. Der trockene und heisse Sommer 2003 und das Trockenjahr 2005 begünstigten den Befall der vom Orkan geschwächten Bäume durch Borkenkäfer. Erst jetzt, nach zehn Jahren, sind auch diese Nachwehen von «Lothar» Geschichte. (sch.)

Natur therapiert sich selber

«Lothar» lieferte einmal mehr den Beweis, in welchem Ausmass die Natur fähig ist, sich selber zu therapieren. Als kilometerlange Schneisen in den Wäldern zerstört waren, hatte das Aufräumen Vorrang. Zwei Jahre dauerte es bei Lenzia, bis alle Verkehrswege wieder geöffnet werden konnten und das Sturmholz aufgerüstet war. Es fehlte aber an Transportkapazitäten und die Holzpreise waren europaweit im Keller. Schon der finanzielle Schaden verhinderte, dass Gelder in grossflächige Aufforstungen investiert werden konnte. Zudem wären die Baumschulen gar nicht in der Lage gewesen, den nötigen Nachwuchs zu liefern. Die Konsequenz war klar: Man überliess das Zepter der Natur, also der Naturverjüngung.

Sogar Edelkastanien

Die Natur offenbarte erstaunliche Selbstheilungskräfte. Das von Markus Gehrig und seiner Video-Wärchstatt Ammerswil innert kürzester Zeit gedrehte Video zeigt in schönen Bildern, wie der Jungwuchs die zerstörten Flächen zurückeroberte - vielfältiger als je zuvor. Nichts mehr von eintönigen Monokulturen, dunklen Stangenwäldern, nacktem Waldboden: Dichte Bestände wechseln sich mit locker bestockten und freien Flächen ab, die dem Wild Nahrung liefern. Forstingenieur Richard Stocker, der Lothar und seine Folgen in den «Lenzburger Neujahrsblättern» darlegt, stellt auf der DVD fest: «‹Lothar› hat vielen die Augen geöffnet, was Wald wirklich ist.»

Einfluss auf Waldwirtschaft

«Lothar» hat nicht nur die Natur, sondern auch die Waldwirtschaft nachhaltig beeinflusst. Die finanziellen Folgen, die manche Forstbetriebe an den Rand des Bankrotts brachten, zwangen zur Effiziensteigerung und zur Kostenersparnis. Das führte zu Zusammenschlüssen von Forstbetrieben über die Gemeindegrenzen hinaus und zum Einsatz von Erntemaschinen, die letztlich auch die Natur schonen.

Zudem, so Stocker, werden Bäume heute nicht mehr wie früher in einem Abstand von einem bis anderthalb Metern gepflanzt, sondern von vier Metern. So wachsen sie im Kampf ums Licht nicht mehr als schlanke und windanfällige Stangen himmelwärts, sondern entwickeln gedrungene, kräftige Stämme, die widerstandsfähiger sind. Einzig die zu tief sitzenden Seitenäste müssen entfernt werden, um wertvolles Holz ernten zu können.

Zurückhaltend angepflanzt

«Wir haben nur sehr zurückhaltend aufgeforstet und Erfahrungen gesammelt», fasst Haemmerli die Strategie von Lenzia nach «Lothar» zusammen. So wurden nur etwa 20 Prozent der
zerstörten Fläche von Menschenhand angepflanzt, vor allem auf Böden, die eine Naturverjüngung verhinderten. Aufgeforstet wurden beispielsweise die einheimischen Lenzburger Berglärchen, die von «Lothar» arg in Mitleidenschaft gezogen worden waren. Das Resultat der Naturverjüngung ist laut Haemmerli beeindruckend: Eichen, Nussbäume, Kirschbäume und sogar Edelkastanien schlugen selber Wurzeln.

Die Holzproduktion ist nach wie vor die wichtigste Aufgabe der Waldwirtschaft, auch wenn mehr Rücksicht auf die Natur genommen wird und der Wald als Erholungs- und Freizeitraum an Bedeutung gewinnt. Die neue Waldwirtschaft, die schon vor «Lothar» Fuss zu fassen begann, wurde nach dem Orkan beschleunigt in die Tat umgesetzt. Stocker fand einen einprägsamen Vergleich: Es wird nicht flächig Holz geschlagen, sondern es werden nur hiebreife Bäume gefällt - wie bei den Tomaten, wo nur die reifen Früchte abgelesen werden.