Orkan Lothar war keine Katastrophe

Am 26. Dezember 1999 traf der Orkan Lothar auf die Schweiz und richtete enorme Schäden an – auch in Messen. Regierungsrätin Esther Gassler, Kantonsoberförster Jürg Frölicher, Kreisförster Ulrich Stebler und Elisabeth Lenz, Präsidentin der Bürgergemeinde Alt Messen, zogen zehn Jahre danach Bilanz. Und diese fiel positiv aus.

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Aargauer Zeitung

Pascal Mülchi

Gebeugte Birken, kreuz und quer stehende, meist abgebrochene Baumstämme. Moosbedeckte Baumstrunke. Eine triste und ungepflegte Angelegenheit. Aber nur auf den ersten Blick. Denn das Gegenteil ist oder dürfte der Fall sein: ein Wald, der sich selbst überlassen wurde und prächtig gedeiht und dessen «Gefühlslage» wohl nicht besser sein könnte. Dies eine Momentaufnahme in der Reservatsfläche «Brunnenthal» in Messen. Das geschaffene zwölf Hektaren umfassende Waldreservat ist ein Musterbeispiel einer vor zehn Jahren eingeleiteten Massnahme, nachdem der Orkan Lothar über die Schweiz, insbesondere über das Mittelland, zog und eine Spur der Verwüstung hinterliess.

Lothar war «keine Katastrophe»

Ökonomisch hat der Orkan Lothar im Kanton Solothurn - verschont blieben die Bezirke Thal und Thierstein - einen grossen Schaden angerichtet. Insbesondere fielen die Holzpreise bis zu 30 Prozent. Die materiellen Schäden und die Folgekosten betrugen geschätzte 15 bis 20 Mio. Franken. Mehr als ein Prozent der gesamten kantonalen Waldfläche (400 Hektaren) wurden total zerstört. Als Naturereignis an sich bezeichnete Regierungsrätin Esther Gassler den Sturm als «keine Katastrophe». Im Gegenteil: er habe neue Herausforderungen geschaffen und Chancen anerboten. So ging aus der Sturmholzzentrale Bucheggberg die Holzvermarktungsorganisation Aareholz AG hervor. Das Waldreservat in Messen wurde durch Lothar erst möglich gemacht (vgl. oben). Finanzhilfe leistete der Kanton da, wo öffentliches Interesse bestand, d.h. neben Sofortmassnahmen beim Schutz des Waldes vor Folgeschäden. An die geschätzten Kosten von 11 Mio. Franken für die vorgesehenen Massnahmen zahlte der Kanton 2.5 Mio. Franken und damit 80 Prozent des bewilligten Kredits. Der Bund steuerte 3.3 Mio. Franken bei. Die Hauptverantwortung lag damit bei den Waldeigentümern, sprich den Gemeinden. (pm)

Erstaunlich schnelle Erholung

Die Bürgergemeinde Messen war damals stark betroffen. «Am Boden lagen insgesamt sechs Mal soviel Holz wie wir sonst in einem Jahr holzen», erklärte Elisabeth Lenz, Präsidentin der Bürgergemeinde Alt Messen. Rund 1,2 Hektaren wurden im besagten Reservat geräumt und zu Papierholz verarbeitet. Eine komplette Neuaufforstung war unmöglich, weshalb nach Alternativen gesucht wurde. Zusammen mit Bund und Kanton entstand die Reservatsfläche, die seither der Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landwirtschaft in Birmensdorf und der Fachhochschule Zollikofen zu wissenschaftlichen Zwecken dient. Untersucht wird vorab die natürliche Vegetations- und Waldentwicklung, ferner aber auch die Entwicklung von Baumflechten, Vogel- oder Insektenpopulationen, Pilzen und Kleinsäugern. «Beeindruckend ist vor allem, wie schnell sich die Fläche erholt hat», freute sich Kreisförster Ulrich Stebler.

Eine Reservatsvereinbahrung wurde für 100 Jahre unterzeichnet und damit ist dies im Kanton die einzige so entstandene Schadensfläche, die als Waldreservat ausgeschieden wurde.

Noch Spuren, aber nur geringe Wunden

Nicht sich selbst überlassen wurde die Schadenfläche «Länggen». Viele Mutterbäume, fast ausschliesslich Fichten, wurden anno dazumal samt Wurzeln von Lothar ausgerissen. Noch heute verleiht der Ort die Stimmung einer wohltuenden Lichtung. Der zuvor wuchskräftige Waldbestand musste komplett neu aufgeforstet werden, eine neue Baumgeneration wächst seither heran. «Hier haben wir erstmals eine Mischung aus Fichten und Stiehleichen gepflanzt», sagt Stebler. Der Mischwald gedeiht und trägt erst noch zu einer stark verbesserten Ökologie, Stabilität und Vitalität des Waldes bei. Acht muss im aufgeforsteten Gebiet speziell auf Rehe gegeben werden. Sie lieben Eichenjungpflanzen. Einerseits wurde deshalb ein Zaun eingerichtet, andererseits eine Freihaltefläche, die die Jagd begünstigen soll.

Zehn Jahre nach dem markanten Naturereignis Lothar sind damit im Messener Wald zwar nach wie vor Spuren zu sehen, die Wunden sind aber nur noch gering. Die Regenerationskraft der Natur und den gut überlegten und professionellen waldbaulichen Massnahmen sei Dank. «Aus ökologischer Sicht war Lothar keine Katastrophe, finanziell belastet uns Lothar aber noch immer», meinte Elisabeth Lenz. Aufwändige Pflege- und Durchforstungsarbeiten, aber auch die Instandstellung der Waldwege und Anlagen werden von der Bürgerkasse quersubventioniert. Geld aus dem Wald von gestern finanziert den Wald von morgen. Der Wald wurde zwar nicht zerstört, hat aber ein neues Gesicht erhalten.