Zürich
Olympisches Kopfweh im Club

Konsumenten der Partydroge Ecstasy klagen seit einiger Zeit häufig über Kopfweh und Übelkeit. Ein Grund dafür sind die Anti-Doping-Massnahmen in China.

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Party

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Limmattaler Zeitung

Martin Reichlin

Seit 20 Jahren sorgen bunte Pillen bei einem Teil der Partygänger in Europa für Glücksgefühle. Mit Ecstasy beziehungsweise den darin enthaltenen rund 100 Milligramm MDMA (3,4-Methylendioxy-N-methylamphetamin), versetzen sich die Besucher von Technopartys in Euphorie, steigern ihr Bedürfnis zu ungezwungener Kontaktaufnahme oder geben sich den Rhythmen elektronischer Musik hin. Zwischen zehn und zwanzig Franken muss man heute für diesen vier- bis sechsstündigen Rausch üblicherweise hinblättern - depressive Verstimmung, Müdigkeit, Antriebslosigkeit und leichte Übelkeit in den Tagen nach der Party inbegriffen.

Doch die Rauschpillen sorgen bei den Konsumenten zunehmend schon vor und während der Feier für Komplikationen, wie Donald Ganci, Leiter der Jugendberatungsstelle Streetwork, weiss. Unter dem Label «Saferparty» führen er und seine Mitarbeiter seit 2001 Beratungen und Drogenanalysen in Clubs und an Partys in Zürich durch. «Im Verlauf des letzten Jahres haben wir immer häufiger Meldungen von Übelkeit und starken Kopfschmerzen als Folge des Ecstasy-Konsums bekommen», erklärt Ganci. «Die Ecstasy-Pillen auf dem Schweizer Markt zeichneten sich jahrelang durch einen hohen Reinheitsgehalt aus. Heute zeigen unsere Tests deutlich, dass die Pillen kaum noch MDMA enthalten.» Als Ersatzstoffe würden den Tabletten Substanzen beigemischt, welche die Konsumenten nicht kennen und über deren Nebenwirkungen und Langzeitfolgen wenig bekannt sei.

Eine Entwicklung, die auch bei der Kantonspolizei registriert wurde. «Anlässlich von Drogenuntersuchungen in der Party-Szene wurde mehrfach festgestellt, dass als Ecstasy verkaufte Pillen nebst MDMA häufig eine Reihe weiterer Wirkstoffe enthalten», schreibt die Medienstelle der Kapo auf Anfrage. «Auffallend häufig wurde das Piperazinderivat m-CPP festgestellt.»

Olympische Spiele und die Mafia

Was ist geschehen? Hans Meier*, seit Jahren Drogenlieferant für eine kleine, kaufkräftige Klientel in Zürich, erklärt der LiZ die Hintergründe. «Die Ausgangsstoffe für die MDMA-Produktion waren relativ einfach und günstig aus China zu beziehen. Bis das Land

im Rahmen der Vorbereitungen auf die Olympischen Spiele von Peking den Kampf gegen Doping verschärfte.» Seither werde das Geschäft mit den Grundchemikalien stärker überwacht und der Nachschub für die Ecstasy-Labore in Europa sei zusammengebrochen.

Eine Version, die von der Polizei bestätigt wird. «In den Niederlanden wird seit Ende 2008 ein starker Rückgang von MDMA festgestellt», so die Kapo. «Die Ursachen dafür dürfte in der zunehmenden Überwachung der chemischen Grundstoffe, die für die Produktion von Amphetaminderivaten notwendig sind, liegen. Die Produzenten weichen auf andere Wirkstoffe aus und setzen so die Konsumenten unbekannten Risiken aus. Da die in der Schweiz verkauften Ecstasy-Pillen hauptsächlich aus Holland kommen, ist dieser Trend auch bei uns feststellbar.»

Laut Hans Meier gibt es aber noch einen zweiten Grund: einen Verdrängungskampf. «Am MDMA haben die falschen Leute verdient», so der Zürcher, «nämlich unabhängige, die nicht zu den etablierten internationalen Netzwerken gehören.» Dies sei für die Drogenmafia auf Dauer nicht mehr tolerierbar gewesen, denn erstens habe sie am Ecstasy fast nichts verdient und zweitens hätte sie Kunden, die sonst Kokain konsumieren würden, an die hochwertige und günstige Partydroge verloren. Meier: «Deshalb hat die Mafia die ‹Freien› nun aus dem Markt gedrängt.»

*Name geändert