Ohren und Augen offen halten

Koni Frei

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Koni Frei

Koni Frei wohnt und arbeitet im Zürcher Quartier Aussersihl. Er hat entscheidend mitgeholfen, verschiedene Lokale zu Treffpunkten zu machen. Und er ist mit seinen Ideen und Plänen noch lange nicht am Ende.

Alfred Borter

Koni Frei fühlt sich zwar nicht als Unternehmer, mindestens nicht in dem Sinn, dass er die Unternehmen, die er mitgegründet hat, dazu benützt, um Kapital anzuhäufen. Aber die Bezeichnung Gastrounternehmer lässt er doch gelten. Kulturveranstalter sei auch richtig. Gastrokönig, wie er unlängst im Onlineportal des «Tages-Anzeigers» betitelt worden ist, findet er hingegen blöd.

Dennoch trifft zu, dass er mit seinen Partnern zwar nicht die Welt, aber doch die Welt rund um den Helvetiaplatz bewegt hat. Die Kanzleiturnhalle war zusammen mit dem ehemaligen Kanzleischulhaus sehr umstritten, wurde doch das ganze Areal im Zusammenhang mit den bewegten 80er-Jahren von Leuten für sich reklamiert, die hier alternative Freiräume schaffen wollten.

Ein Aufschrei ging durch das bürgerliche Zürich, als der damalige freisinnige Stadtrat Hans Wehrli im Jahr 1993 ausgerechnet dem ehemaligen Revoluzzer Koni Frei den Betrieb der Kanzleiturnhalle anvertraute. Frei erinnert sich: «Ich musste mich vertraglich verpflichten, darin nichts Illegales zu veranstalten.»

Alles ging gut. Die Idee, kommerziell erfolgreiche Disco-Abende mit weniger einträglichen Veranstaltungen von Schulklassen, der Feuerwehr, von Radio Lora, einem Tibeterverein und Quartierorganisationen zu mischen, erweist sich bis heute als Erfolgsrezept. «Man muss sich auch mit Leuten an einem Ort treffen können», findet Frei, «Facebook-Bekanntschaften genügen nicht.»

Treffpunkte sind auch die anderen Lokale im Kreis 4, die Frei mit seinen Partnern übernommen hat: Das «Central» kam vor etwa zehn Jahren dazu, das «Sport» vor fünf Jahren, das auf abendliche Gäste ausgerichtete «Longstreet» vor vier Jahren. Und vor etwas über einem Jahr ergab sich die Möglichkeit, das grosse Restaurant im Volkshaus zu übernehmen. Es wurde völlig neu eingerichtet, aber gegen die Bezeichnung «Seefeldisierung» wehrt sich Frei entschieden: «Unser Lokal ist eine Quartierbeiz, aber für die heutigen Bewohner.»

Und natürlich für all die Besucher der vielen Veranstaltungen im Volkshaus, das hier mitten im einstigen Arbeiterviertel Aussersihl erstellt worden ist. Arbeiter gibt es kaum mehr, aber zahlreiche Klein- und Kleinstbetriebe, die der Kreativwirtschaft zugerechnet werden: Designerateliers, Galerien, Architekturbüros, Kunsthandwerk und vieles mehr. Laufend entstehen neue Läden, auch Lebensmittelgeschäfte mit teils exotischen Waren, entsprechend der teils ebenso exotischen Bevölkerung, die hier im Kreis 4 lebt.

In den letzten Jahren sei das Leben hier oftmals schwierig gewesen, resümiert Frei, weil das Drogen- und das Sexgewerbe zu sehr überhand genommen hätten. Natürlich gebe es auch jetzt noch Probleme, auch mit der Gewalt, aber alle gäben sich Mühe, die Lebensqualität im Quartier zu erhalten. Die Liberalisierung des Gastrogewerbes findet er gut, sie habe zu einer grossen Vielfalt geführt. Allerdings wünschte er, der eine oder andere Wirt hätte die Wirteprüfung absolviert; zu seiner Zeit war das noch obligatorisch.

Stolz ist Frei darauf, dass in all jenen Betrieben, in denen er eine Mitverantwortung hat, der soziale und der ökologische Gedanke zum Tragen komme. So werden auch Personen im Service beschäftigt, die nicht dem gängigen Ideal von jung und hübsch entsprechen. Aber Kompetenz müssen sie mitbringen. Ausserdem selbstverständlich für den Beizer: Bioqualität, vegetarische Menüs, der jeweiligen Saison angepasste Speisen. «Bei uns gibt es im Februar keine Himbeeren», versichert er. Gemüse werde, wenn immer möglich, gleich bei den Bauern auf dem Markt auf dem Helvetiaplatz eingekauft.

Ist der frühere Revoluzzer also brav geworden? Frei findet zwar immer noch, der Boden müsste eigentlich der Allgemeinheit gehören, es sei falsch, dass er in den Händen von Privaten sei, die damit spekulieren könnten. Von einem sturen Marx-Verständnis im ideologischen Stil der 70er-Jahre hält er aber nicht viel. Wenn man den Begriff revolutionär im Sinn von fortschrittlich verwendet, hat er freilich nichts dagegen. «Ich halte immer die Ohren und Augen offen», erklärt er.

Und so wagt er sich gerne auch an Neues heran. Seine neuste Idee ist die, auf dem Helvetiaplatz ein grosses Open-Air-Café einzurichten. Dessen Einrichtungen sollen auf Knopfdruck im Boden verschwinden, wenn man den Platz für die 1.-Mai-Kundgebung oder andere Veranstaltungen braucht. Und Koni Frei ist sicher: «Das wird ein Knüller.»

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