Sabine Kuster

«Jugendliche zwischen Gewalt, Orientierungs- und Respektlosigkeit» lautete das Thema der Kantonalen Konferenz der Lehrpersonen an Kaufmännischen Berufsschulen. Der Saal der Wirtschaftsschule KV Baden-Zurzach war voll. 200 Personen interessierte das Thema.

Gemünzt auf die Referenten hätte das Thema des gestrigen Nachmittags auch lauten können: «Experten zwischen Beschwichtigung und Erklärungsnotstand». Sie hatten nämlich die Aufgabe, die nicht nur scheinbare, sondern auch die teilweise statistisch belegte Zunahme der Jugendgewalt zu erklären. Doch der Leiter der Jugendanwaltschaft des Kantons Aargau, Hans Melliger, wies darauf hin, dass selbst Zahlen schwarz auf weiss eine graue Herkunft haben können: Je nachdem, was wo wie häufig kontrolliert werde, würden sich Statistiken verändern.

Lehrer werden ungeduldig

Die Wahrnehmung der Lehrer wiederum, die Leistungen der Schülerinnen und Schülern würden sinken, kann damit zu tun haben, dass ein Lehrer mit den Jahren einfach ungeduldiger wird. Darauf wies der dienstälteste Lehrer der KV Baden-Zurzach hin, der seit 36 Jahren unterrichtet.

Ueli Mäder, Professor am Institut für Soziologie an der Universität Basel sah an Konflikten auch Gutes: «Ohne Reibung entsteht keine Wärme», sagte er und pries die produktive Phase, die nach einem Konflikt entstehen könne.

Allzu viele Relativität und Beschwichtigung wollte der Moderator des an die Referate anschliessenden Podiumsgesprächs aber nicht gelten lassen. Hans Fahrländer, MZ-Redaktor, hakte nach: Fehlt es in der Erziehung an Werten?

Psychologe Werner Graf, der dritte Experte in der Runde, relativierte auch dies und fragte: «Welche Werte?» Jene vor 50 Jahren, die von Disziplin um der Disziplin Willen geprägt waren, wünsche er sich auf keinen Fall zurück.

Weniger Durchhaltewillen

Erst beim Schlagwort «Gruppendruck» nickte die Runde: Ja, Gruppendruck sei nicht zu unterschätzen. Werner Graf sagte: «Jeder trägt das Potenzial zum Negativen in sich.» Er plädierte für eine möglichst gerechte Gesellschaft, denn in einer solchen sei Gewalt am seltensten.

Sehr klare Worte fand Graf, als ein Lehrmeister aus dem Publikum darüber staunte, wie schnell immer mehr Lehrlinge ihre Lehre abbrechen würden. 20 Prozent seien es mittlerweile, dabei müsse man doch froh sein, überhaupt eine Lehrstelle zu finden. Graf sagte: «Stimmt. Die Fähigkeit, sich durchzubeissen, nimmt ab. Es gibt viele Weicheier.» Die Ursache dafür sah er beispielsweise in Computerspielen, in denen man leicht Erfolg haben könne, und in der Werbung, die vormache, alles sei noch günstiger und einfacher zu haben. Mit diesen «unrealistischen Normvorstellungen» knüpfte er an seine zuvor gemachte und zugespitzte Aussage an, die heutigen Kinder seien alles «hochbegabte Einzelkinder».

Die Lehrpersonen äusserten sich begeistert über die Konferenz. Zwar hätte sie keine bahnbrechende Neuigkeit erfahren, aber viel Bestätigung erhalten, sagte eine Lehrerin. Auch jene Bestätigung, dass man als Lehrperson halt angestellt sei, um manche Dinge wieder und wieder zu sagen. Lehrer Bruggisser hatte sich noch deutlicher ausgedrückt: «Ich sage mir immer wieder, dass ein Teil meines Lohnes die ‹Schafseckelprämie› ist.»